Kultur

Lost in Tempodrom

Bonnie Tyler lässt bei ihrem Berlin-Auftritt die Jahrzehnte schmelzen

Sie hat es immer noch drauf. Dabei liegen ihre größten Erfolge, das kann man schon so sagen, recht lang zurück. Die späten 70er- und die 80er-Jahre, das war ihre Zeit. Die der Leggings, Dauerwellen und Popballaden, die vom Schmerz der Liebe erzählen und gleichzeitig ein „Für immer“ einklagen. Als man noch in die Nacht herausschreien konnte, dass man jetzt mal bitte einen Helden braucht. Aber einen echten! Bonnie Tyler konnte das ja, dieses Singen, Schreien, Kämpfen. Und sie kann es noch, fast wie damals.

Am Montagabend sind 2500 Zuschauer ins Tempodrom gekommen, um mit ihr in die Vergangenheit zu reisen. Sie tänzelt über die Bühne, schüttelt die blonde Mähne hinter sich her. Es ist der zweite Abend ihrer Tour und Bonnie Tyler freut sich, dass es jetzt wieder losgeht. Jedenfalls erzählt sie das, wie so vieles an diesem Abend. Dass sie Dieter Bohlen mag zum Beispiel. Der hat ihr immerhin ein paar Hits geschrieben. Oder wie sehr sie Berlin liebt. Ja, seit die Britin zum ersten Mal hier auf der Bühne stand und „Lost in France“ sang – „Ooh la la la dancing“ – komme sie gern her.

Das ist mittlerweile etwa 40 Jahre her. „Danke für eure Loyalität“, sagt sie dann, plötzlich ganz ernst, und singt sich an die Anfänge ihrer Bühnengeschichte zurück. Dieser Liebeskummer von damals, man weiß ja, er fühlte sich für sie wie kalter Regen an, über den singt sie noch heute so erregt, dass gleich ein ganzer Chor mitgrölt: „It’s a heartache, nothing but a heartache“. Das lässt die Jahrzehnte schmelzen, bei Tyler und dem Publikum.

Dass sie mittlerweile 65 Jahre alt ist, das merkt man ihr kaum an. Sie tanzt und dreht sich um die eigene Achse, dass ihr schwarzer Mantel um die Knöchel flattert. „Als Rentnerin noch so ’ne krasse Stimme, irre wa?“, fragt da einer – Tyler röhrt wie zum Beweis ins Mikro –, „Ach, dit is doch vom Alkohol“, sagt der andere, „und vom vielen Rauchen.“ Aber Tylers Whiskeystimme, die kommt von einer nicht auskurierten Stimmband-OP. Weil sie einfach nicht still sein wollte. Liegt ihr eben nicht, auch zwischen den Liedern. Ist es leise, erzählt sie Anek­doten. Zum Beispiel wie sie mit 16 Jahren vor dem Spiegel Tina Turner imitierte. Die Haarbürste ein Mikro, ihr Kinderzimmer die Bühne. Dass „Simply the Best“, Turners Evergreen, später eigentlich ihr großer Hit werden sollte. Und total floppte, bis Turner das Stück zwei Jahre später coverte. Ihren „Hero“, nach dem sie sich ja so verzehrte, den hat sie mittlerweile auch gefunden: Ehemann Robert kommt wie zum Beleg zum Küsschengeben auf die Bühne. Und als Tyler ihr populärstes Lied anstimmt, das von der totalen Herzfinsternis, da hört man doch etwas anderes heraus. „I get a little bit nervous, that the best of all the years have gone by“, singt sie da. Und man glaubt ihr sofort.