Kultur

Philharmoniker legen Brahms auf Schallplatte vor

Die Philharmoniker haben gestritten, ob sie die Aufnahmen mit Hustern und Patzern freigeben

Für Simon Rattle war in der Philharmonie extra für diese zwei Brahms-Konzerte ein rotes Licht aufgebaut worden. Wenn das Licht anging, mussten die Philharmoniker pausieren. Wenn es wieder ausging, durfte der Dirigent den nächsten Satz der Sinfonie beginnen. In der Zwischenzeit wurde hinter der Bühne die Matrize gewechselt, die Schallplatten-Aufnahme konnte weitergehen. Die Philharmoniker hatten sich auf ein ungewöhnliches Retro-Projekt eingelassen: Die vier Brahms-Sinfonien wurden im September 2014 im Vinyl-Direktschnitt-Verfahren eingespielt. „Möglicherweise hatten wir alle nach dieser Erfahrung ein paar neue graue Haare“, so Rattle, „aber das war es absolut wert!“

Ungefähr ein Jahr lang, sagte Cellist und Medienvorstand Olaf Maninger am Dienstag, haben die Philharmoniker anschließend darüber diskutiert, ob sie die Aufnahmen wirklich veröffentlichen wollen. Maninger spricht von „individuellen Eitelkeiten“ der Musiker. Auf den sechs Schallplatten ist ungeschönt das zu hören, was eingespielt wurde. Inklusive aller Huster, klanglichen Unausgewogenheiten und Patzer. Die Sammler-Edition, und das wird sie werden, kommt am 18. November auf den Markt. Die Schallplatten-Box nebst Begleitbuch soll 499 Euro kosten. Es sei aber kein kommerzielles Projekt, betont Maninger bei der Vorstellung in den Emil Berliner Studios. Insgesamt werden passend zu Johannes Brahms’ Geburtsjahr nur 1833 Stück gepresst. Das soll, so Aufnahmeleiter Rainer Maillard, auch die Obergrenze der technischen Machbarkeit sein. Es ist also keine weitere Auflage möglich.

Brahms gehört zur DNA der Philharmoniker. Seit ihrer Gründung 1882 haben sie eine besondere Beziehung zu dem Komponisten, der das Orchester noch selbst dirigiert hat. Mit die Retro-Aufnahme haben die Philharmoniker jetzt gleich zwei Rollen rückwärts gewagt. „Zurück zu den Wurzeln des Musikhörens“, nennt es Maninger. Bis in die 40er-Jahre hinein waren Aufnahmen direkt in die Matrize geritzt worden, nach dem Krieg gab es Tonbandmitschnitte, die bearbeitet werden konnten vor der Pressung. Die vorliegenden Brahms-Sinfonien sind die Philharmoniker pur und in Stereo. So ist zu hören, wie die Ersten Geigen auf der linken Seite und die Zweiten Geigen rechts spielen. Rattle hat die Sitzanordnung in den Konzerten übernommen. Das Überraschendste an den Aufnahmen bleibt aber die Wärme und Intensität des Klanges.