"Er ist wieder da"

Schauspieler Kristian Bader - Gestern Caveman, heute Hitler

Schauspieler Kristian Bader feiert mit „Er ist wieder da“ Premiere im Theater am Kurfürstendamm. Ein Gespräch über Berlin, Hitler und die AfD.

Kristian Bader spielt die Hauptrolle in "Er ist wieder da"

Kristian Bader spielt die Hauptrolle in "Er ist wieder da"

Foto: Amin Akhtar

Es gibt Wochen, in denen steht Kristian Bader an einem Abend als Caveman und am nächsten als Adolf Hitler auf der Bühne. Eine komödiantische Verbindung zwischen beiden zu ziehen, daran arbeite er noch, sagt der Schauspieler. Seit 16 Jahren ist der 51-Jährige das deutsche Gesicht des Broadway-Stücks „Caveman“ von Rob Becker. Für seine Rolle in der Bühnenadaption des Romans „Er ist wieder da“ von Timur Vermes in Hamburg wurde er im vergangenen Jahr für den Theaterpreis Der Faust als „Bester Schauspieler“ nominiert. Am 2. November feiert Bader mit dem Stück auch im Theater am Kurfürstendamm Premiere. Ein Gespräch über sein Verhältnis zu Berlin, Herangehensweisen an Hitler und das Gefühl der Verantwortung in Zeiten der AfD.

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Haben Sie schon am Kudamm auf der Bühne gestanden?

Kristian Bader: Ja, mit „Schillers sämtliche Werke“. Das war vor vier oder fünf Jahren. Meine erste Berührung mit Berlin als Wirkungsstätte hatte ich in den 80er-Jahren. Da gab es das Treffen junger Liedermacher.

Sie haben das Stück schon in Hamburg gespielt. Denken Sie, Berlin macht, auch als historischer Ort, einen Unterschied?

Auf jeden Fall. Nirgendwo ist man so nah dran an der Geschichte, außer vielleicht in Nürnberg. Es wird sehr spannend. Der Berliner sieht ja auch mehr als der Hamburger und hat dadurch eine ganz andere Beurteilungsgrundlage.

Sie werden für die Vorstellungen mehrere Wochen am Stück in Berlin wohnen. Freuen Sie sich auf die Stadt?

Ich habe ein zwiespältiges Verhältnis zu Berlin. Hier habe ich die erste wirklich unglückliche Liebe meines Lebens erlebt. Das war noch zu DDR-Zeiten. Damals musste man immer noch über die Transitstrecke. Ich erinnere mich also an viele nächtliche Fahrten mit dieser unheimlichen Stimmung. Das brennt sich irgendwie ein. Auf der anderen Seite war Berlin damals durch seinen Inselstatus Austragungsort für sehr viele künstlerische Verrücktheiten. Und das war eine super Zeit.

Wie war Ihre Herangehensweise an die Rolle Hitler?

Ich versuche, möglichst nah an das Original heranzukommen. Ich glaube, das ist mir ganz gut gelungen. Ich gucke mir dabei zuerst Videos an, studiere die Gestik und versuche, das möglichst genau zu kopieren, mir die Sprache raufzuschaffen und das Ganze dann von der Gestik kommend mit Inhalt zu füllen. Sonst wäre es nur wildes Rumgefuchtel und Klamauk. Davor hatte ich eine Höllenangst. Ich finde, nichts wäre in der heutigen Zeit verkehrter.

Wie meinen Sie das?

Das, was gerade an Rechtsruck passiert, und an unreflektierter Übernahme dieses Gedankenguts, ist beängstigend. Deshalb muss man noch originaler sein als alles, was es bisher zu dem Thema gibt. Um den größtmöglichen Schrecken zu verbreiten und den Leuten zu zeigen, dass sie aufpassen müssen.

Hatten Sie anfangs Berührungsängste mit der Rolle oder haben Sie das Angebot bekommen und sofort gesagt, das mache ich?

Mich hat es sofort interessiert, aber ich war auch sofort sehr ängstlich. Meine Frau ist Jüdin und ich glaube, dadurch habe ich einen sehr guten Spiegel dafür, was geht und was nicht. Man muss immer den Schrecken im Hinterkopf haben, für den es steht. Das war die Verantwortung und die Angst, dem nicht gerecht werden zu können. Bisher bestätigt man mir, dass ich dem gerecht werde, deshalb bin ich ein wenig lockerer geworden. Aber nichts ist verführerischer, als dem Affen Zucker zu geben, gerade, wenn es gut läuft und man aus dem kabarettistischen Bereich kommt.

Ihre Frau ist deutsche Jüdin?

Sie ist Französin, lebt aber schon sehr lange in Deutschland. In ihrer Familie ist aber glücklicherweise niemand betroffen gewesen. Sie fand es sehr wichtig, dass ich das mache. Dass ich das Stück als Chance nehme, etwas zu bewegen.

Könnten Sie sich vorstellen, Hitler auch ohne satirischen Hintergrund zu verkörpern?

Das kommt ganz darauf an. Für mich steht immer die Frage im Vordergrund: Wozu soll es dienen? Wenn die Aussage stimmt, würde ich es machen.

Was ist in diesem Fall für Sie die Aussage?

In dem Stück geht es darum, wie die Medien für die Quote so einem Menschen eine Plattform bieten. Und ich glaube, das ist die Geißel unserer Zeit. Nicht mehr der Gehalt einer Botschaft ist gefragt, sondern ihre Farbe. Wie knallig kommt sie daher, um sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen. Ich will gar nicht ins Horn der Medienschelte tuten, da muss man nur in die sozialen Medien gucken. Eine fundierte Meinung ist doch dort gar nicht mehr gefragt. Es geht nur um schrille Statements. Wenn das so weitergeht, bekommen die Leute die am lautesten schreien – siehe Donald Trump und Brexit – enormen Zulauf. Das Stück zeigt, wohin man dann wieder kommt.

Wie steht es denn um Ihre historischen Kenntnisse zur Zeit des Nationalsozialismus?

Vor dem Angebot wusste ich nur das, was alle wissen: Das war schlimm und darf nie wieder passieren. Durch das Stück habe ich mich mit der Entstehungsgeschichte befasst und war entsetzt in wie vielen Punkten der Nationalsozialismus damals scheinbar die richtigen Antworten für die Menschen hatte. Viele Deutsche fühlten sich durch den Versailler Vertrag ungerecht behandelt. Und das hat mir wirklich die Augen dafür geöffnet, wie Politik funktionieren kann, wenn viele Leute unzufrieden sind und sich einer hinstellt und sagt: Wir haben lange genug gelitten, jetzt sagen wir mal wieder, wo es lang geht. Das gepaart mit einer unglaublichen Dummheit, mit einem Verlust von Allgemeinbildung. Da läuft man dann mit Leuten mit, die die lauteste Meinung haben. Nicht umsonst hat die AfD gerade so einen Zulauf. Ich finde es erschreckend, wie leicht das damals war und wie leicht das heute wieder ist.

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