Kultur

Der Schatz eines Pressefotografen

Fotoreportagen von 1839–1972: „Kiosk“-Sammlung des Berliners Robert Lebeck ist im Ullsteinhaus zu sehen.

Foto: Sammlung Robert Lebeck Kiosk

Da stehen die beiden Männer, knietief im Wasser mit abgewinkelten Armen, und schauen etwas unbedarft den Betrachter an. Mit ihren Badehosen ist wirklich kein Start zu machen, sexy ist etwas anderes. Und kein Sixpack, nirgends.

Die „Berliner Illustrierte Zeitung“ druckte „Ebert und Noske in der Sommerfrische“ am 24. August 1919. Das Foto schlug bei der Leserschaft ein wie eine Bombe. Bei den beiden auf dem Titel handelt es sich nämlich um den Reichspräsidenten und den Reichswehrminister – in so lockerer, privater Pose hatte keiner bislang die beiden öffentlich gesehen. Der Fotoreporter wird kaum gewusst haben, welchen politischen Furor er damit auslöste. Das launige Badehosen-Foto wird heute als Auftakt für die moderne Pressefotografie gewertet, die in den 20er-Jahren neue Wege ging. An den Badehosen kann man ablesen, wie radikal Medien sich über die Jahrzehnte gewandelt haben. In unseren digitalen Zeiten, der Vermischung von Privatem und Öffentlichem, ist der Schock von 1919 nicht mehr zu verstehen.

Das Museum hofft auf größere Fläche – und Geld

Zu sehen ist diese Titelseite der „Berliner Illustrierten“ – leicht vergilbt durch die Jahre – im alten Ullsteinhaus. Dort hat sich gerade das Deutsche Pressemuseum gegründet. Basis bildet die „Kiosk“-Sammlung des 2014 verstorbenen Berliner Fotografen Robert Lebeck, die kürzlich mit Lottomitteln angekauft, dem Land Berlin gehört und nun dem Pressemuseum als Nutzer für 30 Jahre als Dauerleihgabe überschrieben wurde. Noch muss sich das Museum mit den reduzierten Räumlichkeiten im ehemaligen Restaurant des Ullsteinhauses begnügen. Das ist sehr bescheiden, auch in der Präsentation. Aber nach dem Umbau des Hauses hofft man auf größere Flächen. Doch auch die finanziellen Rahmenbedingungen sind vage, wie der Vorstand Holger Wettingfeld erklärt. Derzeit hält die Institution sich mit einer Projektförderung über Wasser. Ziel ist eine institutionelle Förderung, das hoffen allerdings viele Kunst- und Kulturinstitutionen in Berlin.

Erst einmal wird man sehen, ob so ein Pressemuseum in Tempelhof überhaupt funktioniert. Den Medienwandel zu begleiten und zu vermitteln, das sieht Wettingfeld als Aufgabe des Museums. Neben der Darstellung der 150-jährigen Geschichte der „Kiosk“-Fotoreportage soll ein Ausblick auf die aktuelle Situation von jungen Fotografen gegeben werden. Fragen der Veränderung des Marktes und der Ethik nach der Hochzeit der Reportage der 70er- und 80er-Jahre spielen da eine Rolle. Dafür gibt es keine Vitrinen und Fotostrecken an der Wand, sondern Medientische. Auf einem anderen soll die Arbeitsweise von Agenturen wie Magnum oder Ostkreuz dargestellt werden – wenn die Station mal funktioniert.

Für Wettingfeld ist das denkmalgeschützte Ullsteinhaus der ideale Ort. „Es gibt kein Haus, dass die Höhen und Tiefen der deutschen Pressegeschichte besser widerspiegelt“, sagt er. Die „Berliner Illustrierte Zeitung“ wurde dort gedruckt, 1898 kam die erste Berliner Morgenpost heraus. Oben an der Decke gibt es Vergangenheit – ein Wandfoto zeigt Hubschrauber mit Zeitungen an Bord kreiselnd über dem Tempelhofer Feld. Lebeck hatte Bezug zu dem Gebäude mit der Eule vor der Tür. Er verbrachte in der nahe gelegenen Arnulfstraße seine Kindheit, der Weg an der bösen Eule vorbei zählte dazu.

Lebeck war ein ausgefuchster Sammler. Jugendstilmöbiliar fiel darunter, aber eben auch jenes Genre, dem er sich mit der Kamera selbst verschrieben hatte: die Fotoreportage, deren Blütezeit in den 70er-Jahren lag. Später machte ihr das Fernsehen mächtig Konkurrenz. In 30 Jahren trug Lebeck 35.000 Zeitungen, Zeitschriften und Magazine aus den Jahren 1839 bis 1972 zusammen. 1972 wurde „Life“ eingestellt, zwar hatte das Magazin ein Millionenlesepublikum, nur kaum mehr Anzeigen. Für Lebeck der Endpunkt der Reportagefotografie.

Fotoexperte Patrick Rössler sieht den Wert der Sammlung nicht in der schieren Quantität, sondern in der Auswahl exemplarischer Magazine, die Lebeck gezielt aus der Bilderflut auswählte. „So eine Kollektion aus Einzelheften würde man heute nur sehr, sehr schwer zusammenbekommen“, sagt er. Erster Weltkrieg, 20er-Jahre, Nationalsozialismus, Propaganda – alles dabei.

Deshalb stuft er „Kiosk“ als „nationales Kulturgut“ ein. Einmalig im subjektiven Zuschnitt, eine Mischung aus deutschsprachigen wie internationalen Magazinen. Die meisten existieren nicht mehr: die US-Ausgaben von „Life“, viele „Stern“-Hefte, für den Lebeck arbeitete, „Harper’s Bazaar“, „Quick“, „Deutsch-Amerika“, „Excelsior“ und „AJZ“. Lebeck achtete bei den Fotografen auf große Namen wie Umbo, Alfred Eisenstaedt, Margaret-Bourke-White, Erich Salomon, Capa.

Drei Monate hat Kuratorin Gisela Kayser gebraucht, um sich durch dieses „Kiosk“-Universum zu arbeiten, am Ende konzentrierte sie sich auf 80 Exemplare für die Schau. Kriegsreportagen sind ebenso zu sehen wie ein Hausbesuch bei Picasso. David Douglas Duncan hatte Monate gebraucht, um den Termin zu arrangieren. An die 10.000 Fotos schoss er, veröffentlicht wurde ein Bruchteil. Doch die Begegnung mit Jacqueline, Muse des Meisters, sieht so aus, als würde er sie nie mehr vergessen. Duncan fotografierte Soldaten im Kriegsgebiet – zu Weihnachten. Ausschließlich ihre Augen, müde, leer, erschöpft – diese Porträts sagen mehr als jede Kriegshandlung. Rolf Gillhausen machte sich daran, die „Blauen Ameisen“ zu dokumentieren, die chinesischen Volkskommunen in Zentralasien. Mit dieser politisch inkorrekten Schlagzeile würde heute kein Redakteur mehr durchkommen.

Ullsteinhaus, Mariendorfer Damm 1–3. Di.–Fr., 10–17 Uhr, Sbd./So., 11–18 Uhr.

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