Kultur

Dresden und die Fremden

Peter Richter versucht die geliebte Heimat zu verteidigen, obwohl er froh ist, sie verlassen zu haben

Wenn Tom Hanks in einer Suite mitten in Manhattan mit Blick auf den Central Park New York von Dresden spricht, vom „Tal der Ahnungslosen“, dann sagt er: „Valley of the Clueless“. Das passierte in einem Interview, das der Journalist Peter Richter geführt hat und weil er Dresdner ist, solle er Hanks doch gleich einmal erklären, wie das gewesen sei, dort aufzuwachsen. Der US-Schauspieler liebt die Stadt, war oft dort und wenn er von diesem „Valley“ spricht, so Richter, „klingt es wie ein Seitental vom Grand Canyon“.

Der Journalist Peter Richter hielt im Februar dieses Jahres eine Rede im Dresdner Schauspielhaus, darin ging es darum, wie er als New-York-Korrespondent seine Heimatstadt immer wieder verteidigen muss, nicht nur gegenüber Tom Hanks, der inzwischen auch von der Pegida-Bewegung gehört hat, weil sie eben auf dem Titel der TIME und der New York Times abgedruckt wurde. Jetzt hat er die Rede noch einmal neu strukturiert und seine Thesen auf 30 kurze Kapitel verteilt. Herausgekommen ist das kleine Buch „Dresden Revisited“, das diesen Spagat noch einmal probiert: Die geliebte Heimat zu würdigen, zu verteidigen, auch wenn er gleichzeitig froh ist, sie verlassen zu haben.

Er spricht damit vielen Exil-Dresdnern aus dem Herzen, gerade in Berlin. Nach den Hamburgern sind die Dresdner die zweithäufigsten Berlin-Einwanderer. So beschreibt er romantische Abende am Elbufer, betrunkene Nächte in Künstlerkneipen in der Neustadt und bemerkt, dass es Gegenden der Stadt gibt, „wo auch der Zerrissenste gar nicht anders kann, als seine Mitte zu finden“. Dabei bleibt der Leitfaden die Frage, warum es Dresdnern so schwerfällt, sich mit „Fremden“ auseinanderzusetzen. Doch Peter Richter regt auch dazu an, die Frage anders zu formulieren: Was wenn Dresdner nur das Aussprechen, was überall in Deutschland gedacht wird? „Es hieße, dass Dresden zum ersten Mal seit langer, langer Zeit wieder eine Rolle gespielt hat“, schreibt Richter. Diesen Angriff nach vorn, nämlich, dass Sachsen nicht der Schandfleck ist, sondern ein Problem sichtbar macht, betreibt Richter konsequent und beschreibt ganz nebenbei die fast 800 Jahre alte Geschichte einer Stadt, die fast Hauptstadt geworden wäre.

Das einzig Anstrengende an dem sonst hervorragenden Buch: Viele Kapitel beginnen mit „Als ich in New York…“ oder „Ich sitze also in Brooklyn…“. Einerseits will der Autor so sicherlich die Distanz unterstreichen. Aber andererseits wirkt es manchmal nur eitel, zumal New Yorks Probleme mit denen von Dresden schwer zu vergleichen sind. Das gibt der Autor gegen Ende selbst zu: „Was Deutschland hier für seine aktuellen Herausforderungen lernen könnte?“, fragt er und antwortet selbst: „Offen gesagt: Keine Ahnung.“ Sören Kittel