Kultur

Mord nach Abstimmung im Internet

In einem Hamburger Industriegebiet wird die Leiche eines umstrittenen Rechtsanwalts gefunden. Der Mann wurde auf eine äußerst grausame Weise ermordet. Hauptkommissar Daniel Buchholz von der Hamburger Kripo bekommt die Lösung des Falls aufgetragen, der für Schlagzeilen in den Online-Medien sorgt. Dabei wollte er an dem Tag seine neue Kollegin kennenlernen.

Das passiert dann nebenbei, denn der Fall am Beginn von „anonym“, dem neuen Thriller von Ursula Poznanski und Arno Strobel, besitzt eine besondere Brisanz. Schon bald wird deutlich, dass der Anwalt nicht einfach ermordet wurde. Sein Tod war das Ergebnis einer Abstimmung im Internet.

Ein Unbekannter, der sich Trajan nennt, hat ein Online-Portal namens Morituri – „die Todgeweihten“ – ins Netz gestellt. Der Anwalt war einer von mehreren Kandidaten, die mit einer Kurzbeschreibung zur Abstimmung gestellt wurden. Jeder, der will, kann sich anonym anmelden und darüber abstimmen, wen Trajan ermorden soll.

Kaum ist der erste Tote gefunden, da läuft schon die nächste Abstimmung. Buchholz und seine neue Kollegin Nina Salomon haben nur zwei Tage Zeit, um die Nominierten zu identifizieren und zu beschützen. Wie bereits in ihrem ersten gemeinsamen Roman „fremd“ setzen Ursula Poznanski und Arno Strobel auch in „anonym“ auf das Stilmittel zweier Erzähler. Abwechselnd berichten Buchholz und Salomon von ihren Ermittlungen. So werden auch die Unterschiede zwischen den beiden Hauptpersonen illustriert. Der gutbürgerliche, auf Äußerlichkeiten und Korrektheit viel Wert legende Buchholz bietet einen interessanten Kontrast zu der eigenwilligen und unkonventionellen Kollegin.

Immer weiter treibt der mysteriöse Trajan sein Spiel. An der nächsten Runde beteiligt sich ein Millionenpublikum. „Menschen tun die widerwärtigsten Dinge, wenn sie sich sicher wähnen“, philosophiert einer der Beteiligten. „Wenn sie ihr Gesicht nicht zeigen müssen. Wenn sie anonym bleiben können.“ Aus der Frage, wozu Menschen gebracht werden können, wenn sie für ihre Taten nicht verantwortlich gemacht werden können, haben Poznanski und Strobel einen hochspannenden Krimi gemacht.

Erst mitten in einem dramatischen Showdown, als ein Mord live im Internet übertragen werden soll, wird klar, wer die Menschen so manipulieren konnte, dass sie ihren niedersten Instinkten freien Lauf lassen. Den Weg zur Identifizierung des Mannes im Hintergrund des Mordportals haben die Autoren packend geschildert. Axel Knönagel