Kultur

Korruption, Habgier und organisiertes Verbrechen

Statt auf den bewährten Kommissar Salvo Montalbano setzt einer der Lieblingsautoren Italiens in „Die Verlockung“ auf einen anderen: Mauro Assante. Der Wirtschaftsprüfer gerät ins Ziel dubioser Machenschaften, von denen er selbst aber gar nichts mitbekommt. Assante, seine Familie ist im Urlaub und er steckt mitten in einem Haufen Arbeit. Sein Bericht über die Bank, an dessen mafiösen Machenschaften einige hohe Tiere der italienischen Politik beteiligt sind, ist fast fertig.

Seine Vorgesetzten setzen Assante unter Zeitdruck: Die Karriere steht auf dem Spiel, wenn die Verdächtigen von den Ermittlungen Wind bekommen. Für den moralisch integren Italiener ist es eine Ehrensache, die Ermittlungen rechtzeitig fertigzustellen. Dann klingelt es an der Tür. Carla steht dort. Jung. Gutaussehend. Aber nein, eine Escort-Dame hat Assante nicht erwartet. Eine Verwechslung also? Scheint zunächst so. Aber die beiden begegnen sich kurz darauf wieder – und auch andere merkwürdige Zufälle werden zur Regelmäßigkeit.

In seinem Apartment wird eingebrochen, Assantes Auto ist plötzlich weg, und egal wohin er geht, ständig scheint ihm dieser Lockenkopf auf den Fersen. Doch während der Leser kaum noch an sich halten kann, den Ermittler durch das Buch zu warnen, merkt dieser: nichts. Er ist zwar penibel, aber eben auch naiv und irgendwie tollpatschig.

Als er nach einigem Geflirte und heimlicher Liebelei dann doch darauf kommt, dass Carla nicht die ist, die sie vorgibt und ein Netz der Intrigen um ihn gesponnen hat, ist es schon viel zu spät – denn das Buch ist fast zu Ende.

Und daher fühlt sich auch der Leser vor den Kopf gestoßen, als der eigentlich spannende Part endlich beginnt. Autor Andrea Camilleri aber hat anscheinend selbst nach 160 Seiten die Lust an dem Fall verloren und das Ende auf einer Seite abgehandelt. Der 90-Jährige ist international bekannt und wird in seinem Heimatland vor allem für seine Commissario-Montalbano-Krimis geliebt, von denen es mehr als 20 gibt und einige schon verfilmt wurden. Mit seinen Romanen hält er den Italienern immer wieder gern den Spiegel vor, es geht auch in diesem Werk um Korruption, Habgier und organisiertes Verbrechen.

Doch was fehlt, ist die schlüssige Geschichte drumherum. Statt auf den bewährten Kommissar zu setzen, erfindet der in Rom lebende Sizilianer in „Die Verlockung“ einen sehr eigenen Charakter, dessen Gedanken schwer zu folgen ist. Es kommt eher Schadenfreude als Empathie auf. Mit Montalbano kann er nicht mithalten. Jan-Nikolas Picker