Kultur

Ein Tanz durch echte und imaginäre Räume

Immersive Kunst: Distanz von Besucher und Werk löst sich auf

Wir tanzen mitten im Martin-Gropius-Bau, am helllichten Tag, bei laufendem Museumsbetrieb. Ich sehe dabei wahrscheinlich sehr seltsam aus mit den großen Kopfhörern und der dicken Brille, durch die sich nur verwaschene Helligkeit in Schattierungen wahrnehmen lässt. Ich weiß nicht, zu wem die Hand gehört, an der ich mich jetzt blind um mich selber drehe und die mich in diesen Raum geleitet hat, den ich mir als hohen Ballsaal längst vergangener Zeiten vorstelle. Man spürt Menschen vorbeigehen, hört Schritte. Sind die echt? Ich bin mittendrin, in einem echten Raum, aber meine persönliche Realität ist ein imaginierter Raum. Ausgedacht hat sich diese „Symphony of a Missing Room“ das Künstlerpaar „Lundahl & Seitl“. Es gastierte damit bereits in mehreren großen Museen weltweit. Hier im Gropius-Bau höre ich von sehr weit weg einmal eine Kinderstimme fragen: „Was ist das?“

Vielleicht meint das Kind, wenn es denn real ist, ein Exponat, vielleicht meint es uns. Dann müsste die Antwort lauten: Das ist Immersion. Immersive Kunst ist eine, in die der Zuschauer komplett eintaucht, die Distanz zwischen ihm und dem Werk ist aufgelöst. Das ist gerade sehr angesagt und das Haus der Berliner Festspiele hat dazu eine eigene Programmreihe aufgelegt namens „Immersion – analoge Künste im digitalen Zeitalter“, die das „Foreign Affairs“-Festival der letzten Jahre ablöst. Die Performance im Gropius-Bau ist Teil dieses Programms.

Hier haben wir den „verschwundenen Raum“ inzwischen erreicht, wir sind durch einen Tunnel gekrochen und durch eine Wand gegangen. Der Programmzettel verweist auf die kommunistische Widerstandskämpferin Käthe Niederkirchner, die von den Nazis ermordet wurde. Die Straße, in der der Gropius-Bau steht, wurde nach ihr benannt, in unmittelbarer Nähe befand sich das Hauptquartier der Gestapo. Ist Käthe die Frau in meinem Ohr? Konkrete Indizien gibt es nicht, sie wird leider nicht Teil der Inszenierung, dient nur als Hinweis darauf, dass diese Räume ihre Geschichte haben und dass wir aufgefordert sind unsere eigene dazu zu tun.

Das funktioniert erstaunlich gut. Eine seltsame Erfahrung ist das, irritierend, aber nicht unheimlich. Erst als einem am Ende Kopfhörer und Brille abgenommen werden, fühlt man sich verloren, so mitten in den echten Geräuschen des Museums. Tanzen würde man hier jetzt nicht mehr.

„Symphony of a Missing Room“ läuft noch
bis 20. November. Weitere Infos zu Veranstaltungen unter www.berlinerfestspiele.de