Kultur

Zwischen Schlamm und Seetang

Im neuen Kriminalroman des Bestsellerautors Simon Beckett verschlägt es David Hunter in eine Sumpflandschaft

Blut. Knochensplitter. Faulende Gase. Leser mit empfindlichen Mägen sollten um die Kriminalromane von Simon Beckett einen weiten Bogen machen. In den Büchern des englischen Bestsellerautors werden Augen von Aasgeiern ausgepickt, Haare vom Schädel abgelöst, aufgedunsene Körper schwimmen an der Wasseroberfläche. Der forensische Anthropologe David Hunter löst bevorzugt haarsträubende Fälle. Sein Spezialgebiet: Die Untersuchung lang verwester Leichen.

Nach fünf Jahren Pause veröffentlicht Beckett mit „Totenfang“ erneut einen Fall um seinen berühmtesten, bei Millionen Lesern beliebten Ermittler, der mit „Die Chemie des Todes“ sein Debüt als genialer Verwesungsexperte gab. Dieses Mal verschlägt es Hunter in die Backwaters, eine Sumpflandschaft im Südosten Englands, die sich durch schauerromantische Stimmung und zivilisationsferne Lebensbedingungen auszeichnet. Die Grenzen zwischen Land und Wasser verschwimmen, Handy­empfang ist reine Glückssache, die Nummer vom Abschleppdienst wartet jederzeit griffbereit im Handschuhfach. Ein Gefühl latenter Unsicherheit lauert hinter jeder Biegung. Ein besserer Ort für einen Kriminalroman ist schwer vorstellbar, zumal es in den Backwaters permanent dunkel und kalt, nebelig und nass ist. Man gruselt sich schon, bevor überhaupt irgendetwas Unheimliches geschehen ist.

Hinter der glänzenden Fassade ist es ungemütlich

Beckett, der vor seiner Schriftstellerkarriere als Journalist arbeitete und heute mit seiner Frau in Sheffield lebt, versteht sich vortrefflich darauf, Stimmungen heraufzubeschwören und Bilder zu erzeugen. Durch das konsequente Einhalten der Ich-Perspektive folgt der Leser dem körperlich und seelisch lädierten Anthropologen Hunter gebannt durch einen zunehmend abenteuerlichen Fall, der Leiche auf Leiche zutage fördert. Das nahe gelegene Küstenstädtchen Cruckhaven zeichnet Beckett als eine menschenleere Einöde, in der die Ladenbesitzer längst die Hoffnung auf Kundschaft aufgegeben, die Bewohner angesichts der enormen Arbeitslosenquoten resigniert haben. „Es gibt kaum einen deprimierenderen Anblick als eine Arbeiterstadt, in der niemand mehr arbeitet“, denkt sich Hunter bei seinem ersten Besuch.

Als zwischen Schlamm und Seetang eine bis zur Unkenntlichkeit entstellte Leiche angespült wird, nimmt Hunter seine Untersuchungen auf Bitte der örtlichen Polizei auf. Er ist gleichzeitig Teil der Ermittlerteams und misstrauisch beäugter Eindringling. Ein Überraschungsgast zwischen Genie und Wahnsinn. Erste Spuren weisen darauf hin, dass es sich bei dem Toten um Leo Villier handelt, Frauenschwarm, Waffennarr und Sprössling einer wohlhabenden Familie aus der Gegend. Ein Mann, der sich von Kopf bis Fuß beim Herrenausstatter einkleidete und handgefertigte Schrotflinten sammelte, die ein kleines Vermögen wert sind. Doch je mehr Details über die sterblichen Überreste ans Licht kommen, desto unwahrscheinlicher klingt diese These in Hunters Ohren. Doch vor allem die mächtige Familie Villier scheint Interesse daran zu haben, die wahren Hintergründe über Leos Verschwinden geheim zu halten. Gerüchte im Dorf reichen von angeblichen Affären bis hin zu Existenzkrächen, bei denen es um ordentliche Geldsummen geht. Die Fassade glänzt hell, dahinter scheint es recht ungemütlich auszusehen.

Hunter kommt während seines Aufenthalts in einem abgeschiedenen Bootshaus unter, in dem es vor seltsamen Familienmitgliedern nur so wimmelt. Mit der Schwester einer vermissten jungen Frau beginnt er (mehr zufällig als ernsthaft gewollt) eine Fast-Affäre, die nie wirklich anfängt und genauso wenig endet. Sie teilen das Abendessen und den Schmerz nur notdürftig verheilter Wunden. Geben sich gegenseitig Halt und bringen sich in Gefahr, weil manche Informationen nicht für Mitwisser bestimmt sind. Mehr noch: Durch die privaten Verwicklungen des Ermittlers nimmt der Fall manch überraschende (und nicht immer glückliche) Wendung.

Geschickt verwebt Beckett das zarte Aufflackern einer Liebesbeziehung in die Tätersuche. Wer sich vor Augen ruft, in wie vielen Ermittlergeschichten, Fernsehen wie Belletristik, der müde Krimiplot aufgebauscht wird durch seitenlange Ausführungen ins Leben des Kommissars nach Feierabend, ist für Becketts verhältnismäßig knappe, niemals redundante Wechsel in Hunters Privatsphäre umso dankbarer. Hier weiß einer, wovon er erzählen will. Der Leser wiederum drängt darauf, mehr zu erfahren von diesem Mann, dem das Leben nicht immer gut mitgespielt hat. Bei einem Unfall hat er Frau und Tochter verloren, seither ist der Schmerz sein ständiger Begleiter. Planlos bewegt er sich durch sein Expertenleben als Leichendeuter. Ein neuer Fall mit unbekannten Toten ist ihm eine willkommene Abwechslung. Dabei müsste er sich eigentlich schonen, seit er bei einem Mordanschlag die Milz eingebüßt hat und schon die kleinste Infektion lebensbedrohlich werden könnte. Aber die Gesundheit muss sich hinten anstellen, wenn der Tod mit seinen grausigen Facetten Hunters Jagdinstinkt zum Leben erweckt. Man darf wirklich ohne Übertreibung behaupten: Die Figur des einzelgängerischen Forensikers gehört zu den faszinierendsten der gegenwärtigen Mord-und-Totschlag-Szene im Literaturbetrieb.

Misst man einen gelungenen Kriminalroman daran, ob der Autor einen Spannungssog erzeugt, der den Leser die Außenwelt für einige Stunden vergessen lässt, geht die volle Punktzahl auf Becketts Konto. „Totenfang“ ist das Gegenteil einer simplen Polizei­erzählung. Auf rund 550 Seiten breitet sich vor dem Leser ein Labyrinth aus, in dem sich die Wirklichkeit auflöst wie feiner Nebel. Die Dinge geraten ins Wanken. Nur gut, dass einer die Sprache der Toten spricht.