Kultur

Nach diesem Abend fühlt man sich wie verzaubert

Dirigent Iván Fischer am Pult der Berliner Philharmoniker

Es gibt sie in letzter Zeit wieder öfter bei den Philharmonikern: Konzertprogramme, die so klug durchdacht und stimmig wirken, dass man sie voller Vorfreude erwartet. Programme, die Bekanntes in ebenso neuartige wie attraktive Zusammenhänge stellen. Und dabei nicht zuletzt auch eine Lanze für einen unterschätzten Komponisten brechen.

Beim Gastauftritt des ungarischen Dirigenten Iván Fischer ist dies zu Beginn George Enescu, Rumäniens bedeutendster Tonschöpfer, der außerhalb seiner Heimat allerdings noch immer als Geheimtipp gehandelt wird – auch mehr als 60 Jahre nach seinem Tod. „Enescu schafft Musik so natürlich, wie der Apfelbaum blüht“, hat sein Kollege Saint-Saëns einst formuliert. Und wirklich: In Enescus „Prélude à l’unisson“ aus der C-Dur-Orchestersuite op. 9, einer weitestgehend einstimmig gehaltenen Komposition für Streicher und Pauke, vermag man das natürliche Wachsen der Musik besonders deutlich zu spüren. Es ist eine verführerisch zwischen Modalität und freier Tonalität schwebende Komposition mit folkloristisch anmutenden Streicherkantilenen.

Iván Fischer nutzt sie als Präludium zur legendären „Fächerfuge“, mit der Béla Bartok seine „Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta“ eröffnet. Ebenso wie Enescu verwendet Bartók hier eine Art ewiges Wachstumsmuster der Natur, das auch in Bach-Werken zu finden ist: die Fibonacci-Zahlen-Reihe samt Goldenem Schnitt.

Fischer, Chefdirigent des Konzerthausorchesters noch bis 2018, gilt als Spezialist für die Musik seines Landsmanns Bartók. Umso verständlicher, dass die Philharmoniker nun die Gelegenheit ergreifen, Bartóks Meisterwerk mit dem ungarischen Dirigenten einzustudieren – auch wenn sie dies vor anderthalb Jahren bereits unter Mariss Jansons getan hatten. Und es lohnt sich: Das Orchester zeigt sich ein zweites Mal wie verzaubert.

Noch mehr Schönheit und Wohlklang erwartet das Publikum in der zweiten Konzerthälfte. Sie gehört ganz und gar Mozart, einem weiteren Lieblingskomponisten des Dirigenten Fischer. Mit zwei unbekannten Arien und der sehr viel berühmteren „Prager“ Sinfonie Nr. 38 präsentieren die Philharmoniker drei Entwicklungsstationen des Komponisten: Die Opernarie „Lungi da te“ stammt vom 14-jährigen, die Konzertarie „Ah! non son’io che parlo“ KV 369 dagegen vom mittleren Mozart. Passenderweise geht es in der späten „Prager“ Sinfonie dann auch um Oper – der Komponist zitiert hier offensichtlich aus „Don Giovanni“ und „Hochzeit des Figaro“.

Christiane Kargs schlanker, heller Sopran eignet sich sehr gut für Mozarts Musik. Fischer bietet der Sängerin einen weichen Untergrund. Geschmeidig lässt er die Philharmoniker auch in Mozarts D-Dur Sinfonie KV 504 klingen. Es ist ein tadellos ausgewogener, auf puren Genuss hin angelegter Mozart. Ein Mozart, nach dem man wie aus einem schönen Traum erwacht.