Abschied

Der Poltergeist: Manfred Krug mit 79 Jahren gestorben

Er war erst ein Star im Osten, dann im Westen und schließlich gesamtdeutsch. Das macht ihm keiner nach. Jetzt ist „Manne“ gestorben.

Schauspieler und Sänger Manfred Krug ist tot

Der Schauspieler und Sänger starb im Alter von 79 Jahren in Berlin. Er wurde in der DDR mit dem regimekritischen Film "Spur der Steine" zur Legende. Später begeisterte er in der Serie "Liebling Kreuzberg" ein Millionen-Publikum.

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Er war so etwas wie der personifizierte gesunde Menschenverstand. Der dem einfachen Mann nicht nach dem Maul redete, aber doch aussprach, was dieser dachte. Und zwar mit der ruppigen, berühmten Berliner Schnauze. Einer, der gern auch mal aneckte und provozierte. Aber immer das Herz am rechten Fleck hatte. Und doch nur auf das beharrte, was richtig, was recht war. Was ja nicht immer das gleiche meint wie das Recht mit dem großen „R“.

Darin war Manfred Krug Meister, diese geradlinige, unkorrumpierbare Haltung war, bei allem, was er erreicht hat, vielleicht seine größte Leistung. Jetzt ist „Manne“, wie ihn nicht nur die Berliner liebevoll nannten, tot. Der Schauspieler starb, 79-jährig, bereits am Freitag vergangener Woche in Berlin, wie sein Management erst am Donnerstag bekannt gab.

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EIn Unangepasster, ein Unlenkbarer

Manfred Krug war zunächst ein Star der DDR. Ein Paradeheld des Arbeiter- und Bauernstaates. Ein junger Typ voller Charisma. Der wirklich eine proletarische Herkunft hatte, als Stahlarbeiter. Die markante Stirnnarbe war eine stete Erinnerung an einen Spritzer flüssigen Stahls. Einer, der erst mit 14 Jahren in die DDR gekommen war und – obwohl gerade im Westen, als die Mauer gebaut wurde – doch wieder zurückgekehrt ist.

Dieser Staat hätte gleichwohl von Anfang an wissen müssen, auf wen er sich da eingelassen hat. Schon als Kind musste Manfred Krug, 1937 in Duisburg geboren, elfmal die Schule wechseln. Und auch von der Staatlichen Schauspielschule in Berlin-Ost ist er nach zwei Jahren rausgeflogen: wegen „disziplinarischer Schwierigkeiten.“ Ein Unangepasster war er immer, ein Unberechenbarer, Unlenkbarer.

Das Leben des Berliner Schauspielers Manfred Krug

Sein erster größerer Film war 1957 „Fünf Patronenhülsen“ von Frank Beyer, seinen Durchbruch hatte er fünf Jahre später, kurz nach Mauerbau, mit „Auf der Sonnenseite“. In dem er, weil den Autoren nichts einfiel, einfach sich selber, seine eigene Vita spielte. Das sollte für immer sein Rollenfach vorgeben. Krug war kein großer Darsteller, der mit jeder Rolle ein anderer war. Er war ein Star, der die Figuren mit seiner Persönlichkeit füllte. Der immer eins und in völligem Einvernehmen mit ihnen war. Ein echter, authentischer Kerl.

In „Auf der Sonnenseite“ sang Manne Krug auch: „Stell die Sorgen in die Ecke, / nimm dir deinen Hut. / Spazier doch auf der Sonnenseite, / dann wird alles gut.“ Von diesem Film an sollte er immer auf der Sonnenseite spazieren. Wurde mehrfach zum Publikumsliebling gewählt. Spielte so ziemlich alles, was die Defa an Rollen zu bieten hatte. Schließlich machte er auch das Singen zum Beruf und schrieb sich unter dem Pseudonym Clemens Kerber seine eigenen Texte. Keine ostdeutsche Schallplattensammlung ohne seine Alben: Auch als Sänger wurde er kultisch verehrt. Manfred Krug, das war der Mann, der einem zeigte, wie man durch den Sozialismus kam und sich dabei doch treu bleiben könnte.

Freilich: Sein Baubrigadier Hannes Balla, den er 1966 in Frank Beyers „Spur der Steine“ spielte, war so unangepasst, so frech und provokativ, dass das den SED-Oberen sauer aufstieß. So wollten sie „ihre“ Arbeiterklasse nicht gezeigt wissen. Obwohl vielleicht seine größte Rolle, wurde der Film nur drei Tage nach Kinostart verboten und kam in den Giftschrank. Erst nach der Wende 1990 sollte er wirklich entdeckt werden.

Als Krug 1976 die Protestpetition gegen Wolf Biermann mit unterzeichnete, war es dann vollends vorbei mit dem Helden der Nation. Krug wurde mit einem Teilberufsverbot belegt. Woraufhin er einen Ausreiseantrag stellte. „Krieche ich zu Kreuze, bin ich kaputt. Krieche ich nicht, macht ihr mich kaputt“, schrieb er in seinem 1996 veröffentlichen Buch „Abgehauen“, das „Spur der Steine“-Regisseur Frank Beyer 1998 auch verfilmte, mit Peter Lohmeyer als Manne Krug. Bis zu seiner Ausreise wurde Krug von der Stasi überwacht. Dann, am 20. Juni 1977, stand er im Westen. Die DDR verlor so ihren größten Star. Vielleicht war das der größere Verlust als Wolf Biermann, von dem sich der Staat nie wieder erholen sollte.

„Drüben“, im Westen, hatte Krug erst mal Anlaufschwierigkeiten. Und musste mit Samson und Tiffy in der „Sesamstraße“ stehen. Proletariertypen waren hier nicht so gefragt. Aber dann durfte er in der Fernsehserie „Auf Achse“ als Trucker 13 Jahre lang durch die halbe Welt fahren. Und wurde auch im Westen zum Begriff.

1984 wurde er schließlich, neben Charles Brauer, zum Hamburger „Tatort“-Kommissar befördert. Und zwei Jahre später schrieb ihm sein bester Freund Jurek Becker, der die DDR ebenfalls verlassen hatte, den Rechtsanwalt Robert Liebling auf den Leib. Es war, wie er selbst gestand, seine Lieblingsrolle: Mit „Liebling Kreuzberg“ war Krug endgültig der Anwalt des kleinen Manns. Und der Inbegriff der Berliner Schnauze.

Rückzug auf dem Zenit seiner Popularität

Wieder stand er auf der Sonnenseite. Kein anderer Star aus dem Osten wurde so zum gesamtdeutschen Phänomen wie Manne Krug. Als singender „Tatort“-Kommissar erzielte er von 1984 bis 2001 Spitzen-Quoten von bis zu 15 Millionen Zuschauern, war zeitweise der Dienstälteste der Krimireihe – und lag in der Beliebtheit gleich hinter Götz Georges Schimanski. Mehr Popularität ging nicht. Aber dann, kurz nach seinem 65. Geburtstag, verkündete er 2002 seinen Rückzug von Film und Fernsehen. Auch das zeigt Größe, die nicht jedem eigen ist: zu gehen, wenn man noch im Zenit seines Ruhmes steht. Natürlich, so ganz konnte er nicht gehen. Er sang noch hie und da. Und er schrieb Bücher. Wie „Abgehauen“. Oder „Mein schönes Leben“ (2003) über seine Kindheit. Womit er bewies, dass er auch schreiben konnte. Mit Witz und Selbstironie.

Die letzten Jahre schließlich waren geprägt von Krankheiten. Schlaganfälle, Nierenkolik, Herzklappen-OP, Diabetes. Krug machte sich rar in der Öffentlichkeit. Und wenn er sich doch einmal zeigte, war man erschreckt, wie dürr, wie zerbrechlich er wirkte. Das sollte das polternde Raubein von einst sein?

Vor einer Woche nun ist Krug gestorben. In Berlin, seiner Stadt. Laut „Bild“-Zeitung soll er bereits im engsten Familienkreis beerdigt worden sein. „Mein Lebtag hätte ich nicht geglaubt, so alt zu werden, wie ich jetzt bin“, hat er noch im April dieses Jahres der Zeitschrift „auf einen Blick“ verraten. „Schon als Kind habe ich mich gefragt, ob ich am Ende wohl in den Himmel komme oder in die Hölle. In dieser angenehmen Ungewissheit“, hatte er angemerkt, „möchte ich noch ein bisschen verharren.“ Man darf wohl annehmen, dass er auch hier auf der Sonnenseite spazieren wird.