Kultur

Chronist eines Berlins im Wandel

Die Villa Liebermann präsentiert Arbeiten des Impressionisten Waldemar Rösler. Gezeigt werden neben Landschaften auch Familienporträts

Gewunden schlängelt sich der Kanal durch die Landschaft und zerteilt sie in zwei Stücke. Die Böschung ist spärlich mit grünem Gras bewachsen, nur kleine Bäume säumen die Ufer. Ein Lastenkahn fährt auf dem Wasser. Im Hintergrund sind städtische Gebäude zu erahnen. So malte Waldemar Rösler, geboren 1882 in Striesen bei Dresden, 1911 den Teltowkanal, der erst fünf Jahre zuvor von Kaiser Wilhelm II. eingeweiht worden war.

Als Rösler 1906 aus dem fernen Königsberg im ehemaligen Ostpreußen, wo er aufgewachsen war und Kunst studiert hatte, nach Berlin kam, zog er mit seiner Frau Oda nach Berlin-Großlichterfelde. Dort erlebte er eine Landschaft, die sich gerade in einschneidendem Wandel befand.

Seit 1865 hatte sich der Investor J. A. W von Carstenn daran gemacht, das zwölf Kilometer von Berlin entfernte Lichterfelde in einen Villenvorort mit moderner städtischer Infrastruktur umzugestalten. 1886 finanzierte er den Bau des Bahnhofs Lichterfelde Ost und ließ die erste Straßenbahn der Welt produzieren, um die 1878 dort erbaute preußische Hauptkadettenanstalt mit dem Bahnhof zu verbinden.

Spuren der Urbanisierung und Industrialisierung

In seinen Gemälden greift Rösler diese Umbrüche auf, am Stadtrand, wo sich Natur- und Stadtlandschaft durchdringen: Künstliche Kanäle zerschneiden die Natur ebenso wie Bahndämme, Strommasten und neue Straßenzüge. Die Spuren der Urbanisierung und Industrialisierung prägen das Bild dieser neuen Landschaft, die zum Teil auch erst zur Landschaft wird, denn die Bäume auf Röslers Gemälden sind oft jung, erwecken den Anschein, erst kürzlich aufgeforstet zu sein.

Als Waldemar Rösler die Gemälde in Lichterfelde malte, „en plein air“, wie er das, inspiriert von der aus Frankreich kommenden Freilichtmalerei, schon lange tat, war er unter Zeitgenossen ein anerkannter junger Maler, der in ganz Deutschland seine Bilder ausstellte. Heute, 100 Jahre nach seinem Tod, ist er jedoch nahezu in Vergessenheit geraten, nicht zuletzt deswegen, weil er 1916 – gerade einmal 34-jährig – seinem Leben ein Ende setzte. Zu tief war er traumatisiert von den Gräueln des Ersten Weltkriegs, die er ab 1914 an der Westfront in Belgien erlebte und in vielen illustrierten Feldpostkarten festhielt.

Nun gibt die Liebermann-Villa mit 20 Gemälden und Zeichnungen einen Einblick in das Schaffen dieses viel zu früh verstorbenen Künstlers. Anhand der präsentierten Werke erkennt man gleich, wie wichtig die Landschaftsdarstellung für Röslers Werk war.

Entscheidend war für Rösler ein Aufenthalt im Oberbayerischen Wasserburg am Inn. Mit seiner Frau Oda machte er sich im Sommer 1907 auf den Weg dorthin. Die in Wasserburg entstandenen Gemälde ermöglichten Rösler bei seiner Rückkehr im gleichen Jahr sein Entree in Berlins Kunstwelt: Eines davon wird zur 13. Ausstellung der Berliner Secession zugelassen.

Professuren schlägt Rösler aus, weil er lieber malen will

In den Folgejahren wird Rösler jeweils mit mehreren Bildern dort vertreten sein, 1909 zum Mitglied gewählt und 1911 auf Vorschlag von Max Beckmann, der seit 1908 ein enger Freund Röslers ist, in den Vorstand berufen. Auch an Ausstellungen der Münchner Secession nimmt Rösler teil und ist mit Werken auf wichtigen Schauen in Köln und Mannheim vertreten. Ihm werden Professuren in Kassel und Weimar angeboten, beide schlägt Rösler allerdings aus, da er sich ganz auf die Malerei konzen­trieren will.

All das zeigt, wie schnell Rösler nach seiner Ankunft in Berlin bekannt geworden war, wie sehr ihn die Kritik schätzte und wie gut er im Geschäft war. Mehrere Museen in ganz Deutschland kauften schon damals seine Werke an. Betrachtet man die Bilder, die 1910 und 1911 in Lichterfelde entstanden sind, stellt man eine neue Malweise bei Rösler fest. Immer noch ist der Maler deutlich dem Impressionismus verhaftet. Doch während die Bilder aus Wasserburg noch ganz aus der Form heraus entwickelt worden sind und das Experiment mit dem Pinsel dem untergeordnet ist und vergleichsweise aufgeräumt wirkt, entstehen die Gemälde nun aus dem Pinselstrich selbst. Dieser ist rhythmisch bewegt und trägt deutlich expressionistische Anleihen.

Die Landschaftsbilder von Rösler in der Liebermann-Villa sind ergänzt durch Familienbilder, Porträts seiner Frau und der Zwillinge, die allerdings eher für den Privatgebrauch bestimmt waren. Das merkt man vor allem daran, dass Rösler hier nicht so experimentierfreudig ist wie bei seinen Freilichtgemälden.

Immer wieder hat man in den letzten Jahren Einzelwerke des Künstlers in diversen Berliner Museen gesehen, etwa in der Berlinischen Galerie oder im Bröhan-Museum. Doch ein Gesamtüberblick über das Werk dieses gerade einmal zehnjährigen Schaffens, das so tragisch endete, fehlt noch.

Nach der Ausstellung in der Liebermann-Villa möchte man auf jeden Fall mehr von Waldemar Rösler sehen, diesem fast vergessenen Künstler, von dem Max Liebermann in seiner Grabrede meinte, sein Tod beraube „die deutsche Kunst um eine ihrer schönsten Hoffnungen“.