Comicfilm

Benedict Cumberbatch: „Ein Jungstraum, den ich nie hatte“

Mit „Doctor Strange“ gibt der britische Star seinen Einstand als Comic-Held. Und findet das gar nicht so weit weg von Shakespeare.

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Riesenaufregung am Mittwochmittag im „Soho House“. Englands Star Benedict Cumberbatch, der Mann, der im Londoner West End als Hamlet brillierte und im TV als Sherlock Holmes, gibt hier Interviews für „Doctor Strange“, seinen Einstand ins Comic-Helden-Kino, der heute in deutschen Kinos startet. Aber dann, just als ich vor der Suite „Politbüro“ stehe und zu ihm eingelassen werden soll, gibt es einen Feueralarm.

Rauchbildung im achten Stock, es riecht bis in den dritten. Das Hotel muss evakuiert werden. Wir eilen beide übers Treppenhaus hinaus. Die Journalisten und Filmagenten stehen dann alle ratlos im Hotelhof herum, der Star darf derweil in einer Limousine sitzen. Und kommt nach der Entwarnung mit gleich drei Büchern wieder heraus. Die Zeit hat er gut genutzt. Der Schreck steckt uns beiden aber noch in den Knochen.

Berliner Morgenpost: Geben Sie’s zu, Herr Cumberbatch. Das waren Sie eben. Sie haben mit Ihren neuen Superheldenkräften Funken geschlagen.

Benedict Cumberbatch: (grinst) Ja, genau. Das passiert, wenn man mit Zauberkräften hantiert. Tut mir leid wegen der Verzögerung.

Auf diese Weise haben Sie wenigstens kurz etwas von Berlin gesehen. Dazu bleibt Ihnen sonst mal wieder nicht viel Zeit?

Diesmal nicht, leider. Aber als ich das letzte Mal hier war, habe ich mir Zeit genommen. Und ich habe es geliebt. Das war, als ich den „Inside Wikileaks“-Film gedreht habe. Daniel Brühl ist ein guter Freund, der hat mich etwas rumgeführt. Ich habe auch noch andere Freunde hier. Normalerweise verbringe ich wirklich mehr Zeit in der Stadt.

„Doctor Strange“ ist Ihr Einstand als Comicheld. Haben Sie als Kind eigentlich selber Superheldencomics gelesen?

Ich muss gestehen, ich kannte die alle gar nicht. Ich wurde jetzt nicht getriezt, Dickens zu schmökern. Aber es gab einfach nicht viele Comics bei uns daheim. Ich hab dann eher „Asterix“ gelesen und später „Tim und Struppi“. aber nur sporadisch. Die ganzen Marvel-Comics habe ich erst für den Film nachgeholt.

Das war also kein ewiger Jungstraum, mal ein Superheld zu sein?

Da hat sich eher ein Jungstraum erfüllt, den ich nie hatte. Als ich das erste Mal in das Heldenkostüm geschlüpft bin, musste ich erst mal schallend lachen. Aber wissen Sie, die sind so toll angefertigt, die passen sich so perfekt an, da fühlt man sich ganz anders. Das war mein erster Superheldenmoment.

Früher musste ein guter Schauspieler mindestens einmal den Hamlet spielen. Heute muss ein guter Schauspieler einen Comichelden verkörpern. Setzen Sie jetzt einen neuen Standard – indem Sie beides tun?

Seltsamerweise habe ich ja beides fast nacheinander gespielt. Und ich finde, da gibt es eine große Schnittmenge, was Shakespeare mit seinem Theater initiierte und was das Popcornkino heute macht. Das kann man wirklich miteinander vergleichen. Beide sind fantastische, populäre Unterhaltung, mit großen Effekten. Und beide richten sich an jedes Publikum. Das ist atemberaubend. Und es ist großartig, Teil von beidem zu sein, diese Bandbreite spielen zu dürfen.

Sie sind jetzt Teil des Marvel-Universums. Sie werden sicher auch im nächsten „Avengers“- Film neben Iron Man, Thor und all den anderen Helden kämpfen, haben sich vertraglich für Fortsetzungen verpflichten müssen. Wie kriegt man das mit Theateraufführungen koordiniert?

Ich habe das auch mit „Sherlock Holmes“ geschafft. Es ist eher unglaublich, wer schon alles bei den „Avengers“ mitspielt und wie man die alle unter einen Hut kriegt. Aber es ist auch nicht so, dass alle die ganze Zeit beim Dreh dabei sein müssen. Nein, keine Angst, ich kann auch durchatmen zwischendrin. Ich drehe erst wieder im Dezember.

Eine Ihrer Zauberkräfte als Doctor Strange besteht darin, dass Sie die Zeit zurückdrehen können. Wenn Sie das auch selbst könnten, wann würden Sie das einsetzen?

Die Frage höre ich jetzt öfter. Meine Antwort darauf ist leider sehr langweilig: Ich würd’s nicht tun. Mein Leben läuft gerade wirklich wundervoll. Ich habe geheiratet, habe einen Sohn bekommen, werde jetzt wieder Vater. Es ist nicht so, dass ich nicht auch mal Fehler gemacht hätte. Aber ich habe sie nie bedauert, ich habe hoffentlich daraus gelernt. Alles, was ich sagen kann, ist: Man muss sein Leben leben. Man darf keine Angst vor der Zukunft haben, darf auch nicht verpassten Chancen hinterhertrauern. Man muss im Hier und Jetzt verankert sein.

Nicht mal die Entscheidung für den Brexit würden Sie rückgängig machen wollen?

Ich fürchte, damit müssen wir uns abfinden. Auch da gilt: Man muss in der Gegenwart leben.

Ihren West-End-Hamlet konnte man auch in Berlin erleben, als Live-Übertragung im Kino. Das war grandios. Aber fast noch grandioser war, wie Sie, nachdem Sie sich drei Stunden verausgabt haben, noch ein flammendes Plädoyer für Flüchtlinge hielten. Das treibt Sie wirklich um?

Ich habe mich, wie so viele, bei dieser weltweiten Tragödie machtlos gefühlt. Ich schäme mich dafür, dass die Politik so wenig macht. Ich bin kein Politiker, kein Entwicklungshelfer. Ich bin nur ein Schauspieler. Aber als solcher kann ich die Bühne als Plattform nutzen. Ich fühlte mich verpflichtet, etwas zu tun, wollte ein Schlaglicht darauf werfen, wie sehr viele Menschen derzeit leiden. Ich bin da ziemlich wütend geworden, das bedaure ich ein wenig. Aber nur den Ton, nicht die Sache. Wir haben auf diese Weise sehr viel Spenden gesammelt.