Klassik-Kritik

So ist "Così fan tutte" in der Neuzeit

| Lesedauer: 3 Minuten
Martina Helmig
Die Sänger Nicole Car (als Fiodiligi) und Stephanie Lauricella (als Dorabella) in der  Oper "Cosi fan tutte" von Wolfgang Amadeus Mozart

Die Sänger Nicole Car (als Fiodiligi) und Stephanie Lauricella (als Dorabella) in der Oper "Cosi fan tutte" von Wolfgang Amadeus Mozart

Foto: Britta Pedersen / dpa

Neue Reihe an der Deutschen Oper: Egal, ob Rap oder Mozart – unter der Oberfläche brodelt immer der Wunsch nach einer Orgie.

Zwei Gummipuppen kreisen unter den Besuchern. Videoleinwände zeigen zerwühlte Betten. „Masterminds are tonight: Mozart and Black Cracker!“, ruft die dunkle Stimme aus dem Off. Die Deutsche Oper eröffnet in der Tischlerei ihre neue, von der Komponistin und Regisseurin Alexandra Holtsch konzipierte Reihe „Aus dem Hinterhalt“. Sie soll die Opernpremieren im großen Haus aus der Gegenwart heraus neu befragen.

Bei „Così fan tutte“ ist das nicht besonders schwierig. Da gibt es einen sehr kleinen gemeinsamen Nenner. Sex und Liebe, Verführungskunst und Treue sind in der heutigen Clubkultur so aktuell wie in der Wiener Klassik. Egal, ob Rap oder Mozart – unter der Oberfläche brodelt immer der Wunsch nach einer Orgie.

Eindeutige Zuordnungen sind heute viel schwieriger

Der Rapper und Dichter Black Cracker hat den Abend für das Opernhaus konzipiert. Er macht es sich nicht so leicht, nur das ewig gültige Thema der unerfüllten, auf die Probe gestellten Liebe in den Mittelpunkt zu stellen. Er zeigt auch auf Unterschiede. In Mozarts Oper geht es viel um Verkleidung und Verstellung, doch die Rollenbilder sind klar.

Was eine Frau und was ein Mann ist, und wie sich beide zu verhalten haben, war zu Mozarts Zeiten unstrittig. Eindeutige Zuordnungen sind heute viel schwieriger. Rapper Black Cracker tänzelt im Rock auf dem Podium. Don Alfonso, der Anstifter der verhängnisvollen Liebeswette, ist diesmal eine Frau. Sechs Travestiekünstler mischen immer wieder die Szene auf.

Ein Hinterhalt ist immer überraschend. Tatsächlich hat diese Late-Night-Show viele ungewöhnliche Aspekte. Die Guckkastenbühne wird zur Lounge. Das Publikum lagert sich auf Sitzsäcken, Matratzen oder Stufen um die Darsteller herum. Die Bar im Bühnenhintergrund bleibt während der Vorstellung geöffnet. Ganz in Weiß spielt ein Streichquintett als abgespecktes Opernorchester lebhaft und temporeich unter der Leitung der neuen Korrepetitorin Elda Laro.

Als würden sie Mozart unters Mikroskop legen

Die Musiker werfen die abgespielten Noten hinter sich. Natürlich sind sie am authentischsten, wenn sie Mozart spielen und die Opernsänger Thomas Lehman, Rebecca Jo Loeb und Matthew Newlin begleiten. Manche mozartschen Phrasen spielen sie wieder und wieder. Das wirkt, als würden sie sie unters Mikroskop legen und als Loop spielen. Die Streicher begleiten aber auch mit rhythmischen Figuren die Songs von Black Cracker, der eine Art Soft-Rap ohne das übliche Machogehabe vorführt.

Seine Muse Peaches singt „You don’t fuck“ mit Don Alfonso. Dann steht sie barbusig auf dem Podium und schimpft. Es ist nicht alles gut an diesem Abend. Manchmal wird Mozart schlimm von Bässen in falschen Tonarten überrumpelt. Es gibt aber auch musikalisch anrührende Momente, in denen die Travestiekünstler mit Luftballons für Unruhe sorgen. In den besten Momenten fängt Mozart an zu grooven. Die Momente sind selten. Meist bleiben die Welten des Rap und der Klassik bei aller Bemühung nebeneinander stehen.

In einem Video läuft eine Frau auf einer Straße immer vor und zurück, vor und zurück. Sie kommt nirgendwo an. Das ist irgendwie auch ein Sinnbild für diesen Abend. Trotzdem ist das Spektakel groß und der Applaus am Ende ebenso.

Deutsche Oper, Bismarckstr. 35, Charlottenburg. Tischlerei-Reihe „Aus dem Hinterhalt: Die Hugenotten“ am 19.11. um 21 Uhr.
Karten 20 Euro, ermäßigt 10 Euro