Kultur

Carolin Emcke wechselt die Perspektiven

Berliner Publizistin nimmt den Friedenspreis entgegen

Ganz glauben mag es Carolin Emcke immer noch nicht, als sie am Sonntag auf dem Podium der Frankfurter Pauls­kirche steht. An der Stelle, wo neben Martin Buber und Nelly Sachs auch der Philosoph Jürgen Habermas den renommierten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels schon entgegengenommen hat. „Wow, so sieht es also aus dieser Perspektive aus“, sind ihre ersten Worte.

Der salopp-ironische Einstieg der 49-Jährigen ist programmatisch für die gesamte Dankesrede der Publizistin und Philosophin, die einst bei Habermas in Frankfurt studiert hat. Die heute in Berlin lebende Emcke verwebt Persönliches, wie ihre eigene Homosexualität, mit dem großen Ganzen. Dem immer stärker werdenden Hass in der Gesellschaft und der Ausgrenzung von Minderheiten setzt sie Aufklärung und Humanismus entgegen – und eben einen Wechsel der Perspektive.

Deshalb wirbt sie um „die Bereitschaft, die Blickrichtung zu ändern“. Denn es geht ihr um die Vielfalt der Lebensentwürfe in der globalen Welt: in der Sexualität, in der Religion und bei der Herkunft der Menschen. „Wir werden in Kollektive verpackt, alle lebendigen, zarten, widersprüchlichen Zugehörigkeiten (werden) verschlichtet und verdumpft“, wirft sie den Populisten und Fanatikern vor, die vom „homogenen“ Volk oder der „wahren“ Religion sprechen.

Ein Plädoyer für eine liberale Gesellschaft

Emckes Rede ist dagegen ein Plädoyer für eine liberale, offene und säkulare Gesellschaft – eine Gesellschaft, die bunt ist und nicht ausgrenzt. Als Kriegsreporterin hat Emcke auf ihren Reisen erfahren, was Flucht und individuelles Leid bedeutet. Sie verweist darauf, dass auch die Familie ihrer Mutter vor dem Krieg nach Argentinien ausgewandert ist. Zugleich versucht sie, Handlungsanleitungen zu geben, wie jeder mit Zivilcourage gegen Hass und Verachtung vorgehen kann. Versierte Journalistin, die sie ist, findet sie dafür auch griffige Sätze: „Freiheit ist nichts, das man besitzt, sondern etwas, das man tut.“ Auf der Frankfurter Buchmesse am Freitag war die Publizistin konkreter gewesen und hatte auch von der eigenen Angst gesprochen. Obwohl selbst Fußballfan und Anhängerin von Borussia Dortmund, würde sie sich nicht unter Hooligans mischen, sagte sie. Bei Hassreden und Gewalttaten gegen Minderheiten empfiehlt sie, die Polizei zu rufen oder wegzugehen.

Das Publikum in der Paulskirche feiert Emckes philosophisch angelegte Rede am Ende mit viel Applaus. Unter den 1000 Gästen ist ein sichtlich beeindruckter Bundespräsident Joachim Gauck. Auch Emckes früherer Mentor Habermas ist zur Verleihung des renommierten Preises gekommen.