Kultur

Moderate Raserei bei Paul Simon

An jenem Donnerstag vor einer Woche, an dem Bob Dylan mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, feierte Paul Simon seinen 75. Geburtstag. Es könnte ihm das Fest ein wenig vermiest haben. Obwohl er bereits in seinem Frühwerk mit Art Garfunkel Poesie und Pop ebenso genial zusammenführte, kam noch keiner auf die Idee, ihn derart heilig zu sprechen.

„Alles was Dylan singt, hat zwei Bedeutungsebenen. Er sagt dir die Wahrheit und macht sich im gleichen Moment über dich lustig. Das konnte ich nie“, hatte Simon einmal in einem Interview über seinen alten Konkurrenten gesagt. Er selbst gab sich nie annähernd enigmatisch. Den ehrlichen, immer auch ein bisschen verzweifelten Plauderton, den er oft in seinen Liedern anschlägt, hätte der orakelhafte Dylan niemals gewagt.

Was Dylan ebenfalls nicht tun würde: Einen Auftritt mit mehreren seiner größten Hits beginnen, jedenfalls nicht auf eine Art, dass man sie auch auf Anhieb wiedererkennt. Simon lässt das Stimmungsbarometer im Tempodrom dagegen mit „Boy In The Bubble“, „50 Ways To Leave Your Lover“ und „That Was Your Mother“ gleich in den ersten zehn Minuten in die Höhe schnellen, wobei er das Publikum noch zusätzlich zum Mitklatschen animiert.

Mit ihm stehen noch weitere neun Musiker auf der Bühne, die keinesfalls nur im Hintergrund agieren. Im Gegenteil hat man oft das Gefühl, einem kleinen Orchester zuzusehen, das vom bescheiden in Sakko und T-Shirt gewandeten Simon wie ein Dirigent zu Höhenflügen angeleitet wird. Alle Instrumente greifen harmonisch ineinander, trotzdem bleibt jedem in den locker arrangierten Live-Versionen noch genügend Platz, um sich gesondert hervorzutun. Vom Flügel bis zum rhythmisch gedroschenen Waschbrett trägt jedes gleichermaßen zum komplexen Klangbild bei. Nur ab und zu driftet die Spielfreude ins Muckertum, etwa als ein buttrig triefendes Saxofonsolo das zarte „Still Crazy After All Those Years“ in eine 80er-Jahre-Schnulze verwandelt oder das karibische „Late In The Evening“ mit Percussions geradezu zugeschüttet wird.

Seit „Graceland“ spielt in Simons Musik Polyrhythmik eine tragende Rolle, was vor allem auf seinem jüngsten Album wieder deutlich wird, von dem er heute Abend drei Stücke aufführt: „The Werewolf“, „Wristband“ und „Stranger To Stranger“. Auf den sphärischen Titelsong folgt „Homeward Bound“, der erste Simon & Garfunkel-Klassiker der Setlist. Im direkten Vergleich zu seinem eben gehörten Pop-Entwurf der Gegenwart klingt das Lied aus dem Jahr 1966 noch angestaubter, als man es in Erinnerung hatte.

Die Nostalgie im Tempdorom ist an dem Abend fast greifbar

Das Publikum beklatscht den in Fleisch und Blut übergegangenen Klassiker natürlich umso lauter. Beim anschließenden Panflöten-Schunkler „El Condor Pasa“ zucken Erinnerungen an schönere Zeiten über bewegte Gesichter. Die Nostalgie im Tempodrom ist fast greifbar. Dabei klangen Simon & Garfunkel schon nostalgisch, als die beiden Musiker noch Anfang 20 und frisch auf dem Markt waren.

Wie ein Boxer, der eben erst in den Ring gestiegen ist, legt Simon kurz vor dem ersten Zugabenblock sein lila schimmerndes Jacket ab. Er weiß, was jetzt auf ihn zukommt. Schon bei den ersten Takten von „You Can Call Me Al“ springt das Publikum geschlossen von den Sitzen. Eine moderate Raserei bricht aus, die der Schöpfer dieses von Bläsern befeuerten Evergreens mit einem neckischen Stepptanz quittiert. Die Standing Ovations reichen bis auf die hintersten Ränge.

Nach ganzen sechs Zugaben, unter ihnen das neue „Wristband“ und das alte „The Boxer“, beendet Paul Simon das zweistündige Konzert ganz alleine. Nur mit der akustischen Gitarre spielt der große amerikanische Songwriter eine zerbrechliche Version von „The Sound Of Silence“. Bevor Simon die Bühne verlässt, klatscht er noch einmal dankbar und freudestrahlend einige ihm entgegengereckte Hände in der ersten Reihe ab. Auch das: für einen Literaturnobelpreisträger eher undenkbar.