Ein Elektroniker in der Mercedes-Benz Arena, ein Handwerker im Tempodrom

Ladehemmung bei Jean-Michel Jarre

U-Bahnhof Warschauer Straße, Donnerstagabend, gegen halb acht. Der menschenleere Weg wirkt nicht so, als wäre man hier unterwegs zu einer Halle mit einem Fassungsvermögen von 17.000 Zuschauern, in der in einer halben Stunde ein Weltstar der elektronischen Popmusik auftreten wird. Tatsächlich ist die Mercedes-Benz Arena maximal zu zwei Dritteln belegt. Sowas wie eine Erwartungshaltung kommt erst auf, als sich im voll bestuhlten, aber nicht voll besetzten Innenraum mit rhythmischem Klatschen ein zügiger Beginn der Show von Jean-Michel Jarre angemahnt wird.

Zehn Minuten später heben sich dann zwei Regenwände aus dicken, blauen LED-Tropfen auf der nachtdunklen Bühne ab, zu den sphärischen und mit erfreulich wuchtigem Bass ausgestatteten Klängen des Titeltracks von Jarres aktuellem Album „Electronica Vol. 2: The Heart of Noise“. Der Regen spaltet sich in gigantische Vorhänge, sie drehen sich, wandern hin und her. Der Regen gerinnt zu einer Art roter Heizspirale, die sich als rotierender 3-D-Effekt abwechselnd als Gefängnis, dann wieder als Tunnel in die Freiheit deuten lässt. Seit seinem Debüt Mitte der 70er-Jahre ist Jarre zu Recht für seine ausgefeilte, wirkungsvoll dramatisierte Lightshow mindestens so berühmt wie für seine in der Regel rein instrumentale elektronische Musik.

Die Berliner Energie, sie will lange nicht recht zünden

Zum munter perlenden „Automatic“ aus dem letztjährigen Album „Electronica Vol.1: Time Machine“ gleiten die LED-Vorhänge schließlich zur Seite und geben den Blick auf den Meister frei. Jarre, ganz in Schwarz, thront auf einem Podest in der Mitte der Bühne, eingekreist von Keyboards und diversen elektronischen Instrumenten, links und rechts zu seinen Füßen: zwei weitere Musiker, die in erster Linie an Drum-Kits stampfende, eindeutig Richtung Dancefloor zielende Beats vorgeben. Und tatsächlich, in Reihe zehn steht eine einzelne Frau mit langem blonden Haar und schwarzer Lederjacke auf, um nichts weiter zu tun, als zu tanzen. Niemand hinter ihr ruft „Hinsetzen!“. Aber es steht eben auch niemand auf, um es ihr gleich zu tun – durchaus zu Jarres Verdruss.

Als der Franzose wenig später sein Berliner Publikum mit einem deutschen „Guten Abend“ begrüßt, fügt er auf Englisch hinzu: „Ich liebe es, die Energie dieser Stadt zu fühlen!“ Und er hofft, diese Energie möge auch an diesem Abend entstehen. Aber die Mercedes-Benz Arena ist nicht das um die Ecke gelegene Berghain. Selbst bei einem Klassiker wie „Oxygene 2“ will nicht so recht Stimmung aufkommen. Auch lokalpatriotische Appelle ändern daran erst mal nichts.

Ein hinreißender Gastauftritt der Wahlberlinerin Peaches verhallt ohne großes Echo, ebenso Jarres Dank an den Berliner Techno-Produzenten Siriusmo oder seine Verneigung vor dem im letzten Jahr verstorbenen, lange in Berlin tätigen Tangerine Dream-Gründer Edgar Froese. Mit allen dreien hatte er auf „Electronica Vol. 2“ zusammengearbeitet.

Mag sein, dass das Wetter oder die Eintrittspreise ab 70 Euro auf die Laune des Publikums drückt. Möglicherweise schlägt sich hier aber auch Jarres Image-Problem nieder. Der Sohn des legendären Filmmusikkomponisten Maurice Jarre pflegt seit jeher seine experimentellen Wurzeln genauso, wie er immer wieder die massentaugliche Gefälligkeit sucht. Auf seinen jüngsten Alben erscheint er als Missing Link zwischen Stockhausen und Helene Fischer. In Deutschland macht solcherlei Bipolarität eher verdächtig.

In der Mercedes-Benz Arena ruft erst „Exit“ vereinzelt begeisterten Szenenapplaus hervor. Einigermaßen in Fahrt kommt das Publikum aber erst, als Jarre nach einer guten Stunde „Brick England“, seine Kollaboration mit den Pet Shop Boys, ankündigt und insistiert, jetzt könne sich aber wirklich jeder „frei fühlen, aufzustehen.“ Nach und nach erhebt man sich und hüpft schließlich sogar, natürlich zu „Oxygene 4“. Ob sich Jarre so die eingangs erhoffte „Berliner Energie“ vorgestellt hatte, darf indes bezweifelt werden.