Kunst in Neukölln

Bilder im alten Maschinenhaus der Kindl-Brauerei

Die alte Kindl-Brauerei in Neukölln eröffnet am 22. Oktober als Zentrum für zeitgenössische Kunst. 5500 Quadratmeter Platz für Kunst.

Die Kindl-Brauerei wurde in fünf Jahren saniert und umgebaut. Im Sommer soll auch der Biergarten fertig sein

Die Kindl-Brauerei wurde in fünf Jahren saniert und umgebaut. Im Sommer soll auch der Biergarten fertig sein

Foto: Reto Klar

Kleiner Tipp: Zuerst oben hinaufsteigen, im Wind die rauen neuen Betontreppen hoch, zweiter Stock, ganz durch die Etage des ehemaligen Maschinenhauses hindurch. Bis Sie ein Fenster zwischen all den Gemälden von Eberhard Havekost sehen. Von dort fällt der Blick auf Neukölln, ganz Berlin liegt hier auf einer Ebene: die Schule nebenan, die Kirche am Rathaus Neukölln, die Sozialbauten der 50er-Jahre, der Fernsehturm, das Park Inn am Alexanderplatz. Was wir hier sehen, könnte ein Bild sein von Eberhard Have­kost. Ist es nicht, doch es ist genau das, womit sich seine Gemälde befassen. Der Berliner Maler stellt Fragen wie: Was wir wirklich jenseits der digitalen Bilderflut wahrnehmen, was ist Realität, vor allem, was kann, könnte und soll Malerei leisten?

Und genau deshalb hat der künstlerische Direktor Andreas Fiedler zur Neueröffnung der Kindl-Brauerei als „Zentrum für zeitgenössische Kunst“ das Rollo vor dem Fenster hochzogen. Er will zeigen, dass Kunst nicht losgelöst ist von dem, was draußen auf den Straßen von Neukölln passiert.

Das Kesselhaus verströmt den Industriecharme von einst

Endlich sind alle Ausstellungsräume der ehemaligen Kindl-Brauerei fertig. Wer das ruinöse Ensemble vor vier Jahren gesehen hat, dachte, das wird nie etwas. Abgesehen von den Kosten wusste jeder, für diese Größe braucht man Durchhaltevermögen. Eigentlich sollte bereits 2014 eröffnet werden, doch bedingt durch Denkmalschutzauflagen und diverse Bauverschiebungen zog sich das Projekt hin. Jetzt gibt es drei Etagen für die Kunst im alten Maschinenhaus und das imposante Kesselhaus mit einer Höhe von 20 Metern. 5500 Quadratmeter umfasst das gesamte Kindl-Areal, 1600 gehören davon der Kunst.

2005 zog Kindl dort aus, verlegte die Bierproduktion nach Weißensee. Über den Kaufpreis des Ensembles wird bis heute geschwiegen. Die beiden Besitzer, das Schweizer Ehepaar Burkhard Varnholt und Salome Grisard, machen sich in Berlin rar. Wenn es um Fragen geht, übernimmt Andreas Fiedler das Regiment. Ein diskretes Paar, „typisch Schweizer“, sagen diejenigen, die die beiden kennen. Als sie sich 2011 in das historische Ensemble verguckten, stand fest, hier wird es nicht um ein weiteres Sammler-Museum gehen, die eigene Kollektion bekommt keinen Auftritt. Mit Kunsthandel hätte es nichts zu tun, man konnte es kaum glauben.

Nun ist das Gebäude fertig, man darf sagen, es hätte das Zeug zur neuen Kunsthalle von Berlin zu werden. Auf jeden Fall bringt das „Zentrum für zeitgenössische Kunst“ mit den drei aktuellen Präsentationen frischen Wind in den hauptstädtischen Ausstellungsbetrieb. Die Gruppenschau im Erdgeschoss des Maschinenhauses spielt clever auf diese Teilhabe am Zeitgenössischen an: „How Long Is Now?“ Ein opulenter Spionspiegel mit weißer Neonschrift von Jeppe Hein – der Besucher sieht sich darin selbst.

Vom sozialen Brennpunkt zur Kunst

Verschiedene Formate werden bedient: Das Maschinenhaus funktioniert nahezu wie ein White Cube, streng und klassisch. Das Kesselhaus hingegen wirkt nach wie vor wie eine verlassene Kathedrale – es lädt zur Präsentation von außergewöhnlichen Installationen. Mit den weißen Kacheln und verrosteten Apparaturen an der Wand verströmt das 20 Meter hohe Gebäude noch alten Industriecharme. Einmalig in der Berliner Ausstellungsszene. Hier zeigt einmal im Jahr ein Künstler eine Arbeit, die auf den Ort bezogen ist.

Zur Premiere ließ der Künstler Roman Signer ein gelbes Sportflugzeug ganz oben an der Decke kreisen. Nun fläzt man sich auf Sitzsäcken vor der gigantischen Filminstallation von David Claerbout. Im XXL-Zoom wird das Berliner Olympiazentrum „abgetastet“. Der Künstler hat das Stadion aufwendig digital nachgebaut – und lässt es nun in den kommenden 1000 Jahren in Echtzeit verfallen – mithilfe von Google-Daten. Die schiere Dimension des Raumes und die gewaltige Projektion in Slow Motion sind beeindruckend.

Mit Kindl also kommt der Rollberg-Kiez, der lange als sozialer Brennpunkt galt, zur Kunst. Die Angst vor der Gentrifizierung ist groß. Manche fürchteten, dass so „ein cooles Kunst-Institut“ einfach fehl sei am Platz. Doch Andreas Fiedler hat das Gefühl, die Kunst-Brauerei sei gut angekommen, überall gebe es in der Nachbarschaft Unterstützung.

Die Schweizer Eigentümer haben sich von Anfang an bemüht, die Menschen drumherum miteinzubeziehen. Es gab Gästeabende, einen Vortrag über die Geschichte der Brauerei, die Arbeiter von einst kamen aus dem Quatschen gar nicht mehr raus. So soll es weitergehen mit Musik, Konzerten, Lesungen rund um die Kunst.

Offene Treffpunkte sind auch das Café im Sudhaus mit den alten Kesseln und im Sommer der Biergarten, von dem stehen vorerst nur die Bäume. „Wer nicht unbedingt Kunst anschauen will, kann gerne ein Käffchen trinken oder eben ein Bier.“ Klingt sehr sympathisch.

Kindl-Brauerei, Am Sudhaus 3. Eröffnung: Sonnabend, 18 Uhr. Eröffnungsparty: ab 22 Uhr. Mi–So, 12–18 Uhr.