Kultur

Viel zum Mitdenken, aber auch zum Mitnicken

| Lesedauer: 3 Minuten
Georg Kasch

„Stören“ ist ein ziemlich typischer Gorki-Abend über weibliche Selbstwahrnehmung

An der Silvesternacht von Köln kommt man nicht vorbei. Aber sie wird am Maxim Gorki Theater nicht zum Thema. Denn in „Stören“ geht es um das strukturelle Problem weiblicher Fremd- und Selbstwahrnehmung – und nicht um den Einzelfall. „Stören“ ist Teil des Festivals „Uniting Backgrounds – Theater zur Demokratie“, das gerade am Gorki läuft. Es geht um Teilhabe am Diskurs, auch: an der Plattform Bühne. Da stehen sechs junge, nicht-professionelle Schauspieler zwischen 18 und 24 Jahre. Das Projekt versammelt ziemlich reflektierte Argumente, an die sich endlose Debatten anschließen können – entsprechend bietet das Haus ein umfangreiches Vermittlungsprogramm an.

Dass „Stören“ nicht nur eine Thesen- und Anekdotensammlung bleibt, liegt zum einen an Regisseurin Suna Gürler, die als Schauspielerin in Sebastian Nüblings Gorki-Inszenierungen „Und dann kam Mirna“ und „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ offensichtlich viel gelernt hat. Auch in „Stören“ versammeln sich die jungen Frauen zu synchronen Gesten und Choreografien, die den Text auf spielerische Weise weiterdenken, etwa wenn sie wiederholt gegen die hintere Wand anrennen und sie mit unterschiedlichem Erfolg erobern. Auch hier gibt es chorische Passagen. Und Bildwitz. Einmal erzählt Sezgi davon, wie beim Stadtfest die Männer da einfach losgepinkelt hätten, nach ihrem Protest sogar gegen ihr Rad. Hinten lassen die anderen es derweil wie aus Versehen aus ihren Wasserflaschen tröpfeln. Wasser, das gleich darauf zum Thema wird: als Symbol für den Körper- und Schönheitswahn.

Überhaupt die Themen: die breitbeinigen Typen in der U-Bahn, die Schutzmaßnahmen der Eltern, die junge Frauen eher ans Haus fesseln als sie zu Abenteuern zu ermutigen, Körperbilder – da gibt’s viel zum Mitdenken, aber auch zum Mitnicken. Gerade in dem Moment aber, als der Abend sich in reiner Selbstvergewisserung zu erschöpfen droht, trotz ironisch reflektierter Einschübe, erzählt Transmensch Chantal ihre Geschichte. Besser: lässt erzählen, weil sie die anderen auffordert, ihren Text vorzulesen. Ihre Irritation über die pubertäre Trennung von Jungs und Mädchen, ihr Versuch, als Lesbe an Normalität zu gewinnen, ihr Entschluss, sich nicht in das Mann-Frau-Schema pressen zu lassen, auch wenn das die meisten Menschen zu überfordern scheint. Da stürzt die „Wir Frauen, Ihr Männer“-Gewissheit angenehm in sich zusammen.

Dem zuzuschauen macht Spaß, weil Soraya Reichl, Zeina Nassar, Sezgi Ceylanoğlu, Mariette Morgenstern-Minnemann, Nathalie Seiß und Chantal Süss erstaunlich selbstbewusste Performerinnen sind, die sich mit all ihrer Körperlichkeit in ihre Rollenspiele werfen. Ihr Umkreisen von Selbstbestimmtheit, Selbstverwirklichung und Geschlechterklischees ist unterhaltsam, anregend und hervorragend rhythmisiert.

Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Mitte, Karten 20221-115. Wieder 21., 23. Oktober, 15., 16. November.