Kultur

Martin Kippenbergers Rollenspiel

Der Künstler Christian Jankowski beschäftigt sich im Haus am Lützowplatz mit Künstlerlegenden und zeigt auch deren Schauplätze

Man darf sich Christian Jankowski als sehr, sehr beschäftigten Künstler vorstellen, dieses Jahr leitet er die Manifesta in Zürich und eröffnete kürzlich im Haus am Lützowplatz seine erste institutionelle Einzelschau in Berlin. Jankowski ist so etwas wie ein cleverer Kunst-Kollaborateur, der irgendwie immer kunstferne, witzige Dinge in die Sphären des Betriebs einschleust, um die Rolle des Künstlers und der Kunstszene zu hinterfragen.

In Zürich bei der Biennale ist das Konzept einfach: Er lud internationale Künstler ein, damit sie sich mit Menschen anderer Berufsgruppen zusammenfinden, um ein Projekt zu entwickeln. Metzger zum Beispiel. In „Die Legende des Künstlers und andere Baustellen“ im Haus am Lützowplatz richtet er nun den Blick auf sich selbst: den Künstler und die Idee vom Künstlermythos wie die oft fragwürdige Vereinnahmung durch den „Betrieb“. Wer könnte da besser passen, als Kollege Martin Kippenberger, zu Lebzeiten „Kippi“ genannt? Prototyp des genialischen, irren und nicht selten unerträglichen Künstlergenius, der seiner Meinung nach zu spät entdeckt wurde. Erst dann richtig, als seine Leber vor dem Alkohol längst kapituliert hatte. Das ist nun fast 20 Jahre her.

Und so stehen wir erst einmal inmitten einer gigantischen Kulissenlandschaft: Ycht bis zu sieben Meter große Bühnenleinwände führen uns an ausgewählte Schauplätze aus dem Leben Kippenbergers. Der Besucher wandert umher zwischen dem Atelier an der Hochschule in Hamburg, vorbei am deutschen Biennale-Pavillon in Venedig bis in das etwas heruntergekommene Kippenberger-Zimmer im Kölner Hotel Chelsea, wo er ein lebenslanges Wohnrecht hatte. Am Eingang der Schau empfängt uns prominent ein Blick in die Paris Bar, wo Kippenberger oft einkehrte, als Gegenleistung schon mal mit eigenen Werken bezahlte ebenso wie im Chelsea.

Zu sehen ist das Interieur des Restaurants in der Kantstraße – als Bild im Bild. Für 2,7 Millionen Euro wurde Kippenbergers Werk 2009 in London versteigert. Übrigens sind die Bühnenkulissen echt – sie stammen aus dem Theaterstück „Kippenberger! Ein Exzess des Moments“, das 2013 am Schauspiel Köln inszeniert wurde – von Angela Richter, der Frau von Malerstar Daniel Richter. Jankowski wiederum entwarf das Bühnenbild. So schließen sich die Kreise. Gemalt allerdings hat die gigantischen Leinwände ein Kulissenmaler. So sieht Jankowskis Spiel mit den Rollen aus.

Im Zentrum der Schau aber steht ein Filmprojekt im Biopic-Format – in einer Art Guido-Knopps-„History“-Format. Gedreht wurden die Kippenberger -Szenen in eben den ausgestellten Bühnenbildern. Dabei sind Schauspieler der Kölner Inszenierung und Jankowski selbst, der ehemalige Paris-Bar-Besitzer Michel Würthle und Großsammlerin Julia Stoschek in Schwarzwälder Tracht. 30 Minuten ist der Film lang und unbedingt sehenswert in seinem anarchischen, skurrilen Zugriff auf die Wirklichkeit. Doch wie war Kippenberger denn nun wirklich?

Wir wandern noch einmal durch die großen Kulissen – und wissen nur: Das Leben besteht aus vielen verschiedenen Bildern. Das ewige Rollenspiel geht weiter. Martin Kippenberger jedenfalls hätte das Jankowski-Universum gefallen.

Haus am Lützowplatz, Lützowplatz 9. Di–So 11–18 Uhr. Bis 20. November

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