Kino

Gib mir mein Herz zurück: „Das kalte Herz“ neu verfilmt

Johannes Naber hat zuletzt eine böse Wirtschaftssatire gedreht. Und überrascht jetzt mit Fantasy. Die aber in ein ähnliches Horn bläst.

Foto: Weltkino

Menschen, die Geld haben, können kein Herz haben. Das denkt man in Zeiten des Neoliberalismus ja oft. Aber nun wurde ein Märchen neu verfilmt, das das schon in noch vorindustrieller Zeit wusste oder doch vorausahnte: „Das kalte Herz“ von Wilhelm Hauff.

Es ist die berühmte Mär von dem armen Köhlerjungen Peter, der die reiche Lisbeth liebt und doch nicht freien kann, weil er ja arm ist. Weshalb er mit dem Holländer-Michel einen faustischen Pakt eingeht, der geradezu als Metapher auf den Kapitalismus gelten kann: Peter wird reich, dafür wird ihm aber das Herz herausgerissen. Und durch einen Stein ersetzt. Die Filmmusik dazu müsste eigentlich von Herbert Grönemeyer kommen: „Gib mir mein Herz zurück.“

Ein deutsches Märchen in einer entrückten Fantasywelt

Der Stoff wurde 1950 schon einmal verfilmt, im Thüringer Wald, von Paul Verhoeven. Der Film war so erfolgreich, dass die produzierende Defa daraufhin eine ganze, heute legendäre Märchenfilmreihe startete. Nun hat es mit Johannes Naber ein Regisseur neu aufgelegt, der zwar in Berlin lebt, aber selbst aus dem Schwarzwald kommt. Und das Märchen nun eben wieder dahin zurück verortet, wo es spielt.

Schwarzwaldklischees sucht man hier freilich vergebens. Kein Bollenhut, keine Kuckucksuhr. Der Schwarzwald sieht ganz bewusst aus wie eine entrückte, verwunschene Welt. Und wird auch von seltsamen Menschen bewohnt. Menschen, die weiße Punkte auf der Haut tragen und Tätowierungen im Gesicht und irgendwie nach indigenen Wesen ausschauen. Der Schwarzwald sollte bewusst eine Fantasy-Landschaft sein.

Das war der Grundimpuls für Naber: Er hatte schon immer diesen Jungentraum, fantastische Welten zu erschaffen. Und dieser verschütteten, kindlichen Spiellust ist er nun nachgegangen. Obschon er natürlich wusste, dass es Genrekino in Deutschland schwer hat, zumindest wenn es in Deutschland gemacht wird, und Fantasy erst recht. Obschon er wusste, dass deutsche Förderstrukturen, wie er es ausdrückt, „immer auf den größten Haufen scheißen“, also lieber bewährte Rezepte durchnudeln, statt mal ein Experiment zu wagen. Wie diesen Film.

Wir sehen Frederick Lau als Köhler kohlrabenschwarz das Holz abtragen. Man sieht, wie ein ganzes Volk sich schwarz und rußig macht und seine Lunge ruiniert. Für ein paar wenige Taler. Aber dann gibt es halt das bizarre Glasmännchen, von Milan Peschel mit Lust als Kauz gespielt, und Moritz Bleibtreu als düsterern Holländer-Michel, der hier ruhig Horror-Michel heißen könnte. Der wirkt so, als sei er direkt aus Peter Jacksons „Herr der Ringe“-Filmen entliehen. Mit den klebrig-süßen Märchenverfilmungen, die die ARD punktgenau zu Weihnachten ausstrahlt, hat dieses „Kalte Herz“ nichts zu tun.

Wer Johannes Naber kennt, ist erst mal überrascht. Mit „Zeit der Kannibalen“ hat er zuletzt eine wunderbare, bitterböse Satire auf den Spätkapitalimus in globalisierten Zeiten gedreht. Eine scharfe Abrechnung war das, die nur in immer gleichen Hotelräumen spielte und damit eine ganze Welt der Zahlen und Abwicklungen darstellte. Und so jemand lebt jetzt kindliche Fantasy-Gelüste aus?

Auf den zweiten Blick freilich überrascht das überhaupt nicht. „Das kalte Herz“ ist ja eigentlich das genaue Spiegelbild. Diesmal eine Parabel aus frühkapitalistischer Zeit, wo auch schon Geld die Welt regiert. Wo man sieht, wie für wertvolle Rohstoffe eine ganze Region ausgebeutet wird. Da ist kein Platz für Schwarzwaldromantik, der Schwarzwald wird vielmehr systematisch abgeholzt, das ist ja fast schon zu aufdringlich, um sprichwörtlich Kohle zu machen. Dafür wurde die Natur gnadenlos ausgebeutet. Noch in einer Zeit, die noch märchenhafte Züge trägt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Schwarzwald ja buchstäblich gerodet, da stand nichts mehr.

Auch die Zeit, in der „Das kalte Herz“ spielt, ist eine Zeit der Kannibalen. Die Titel der beiden Filme, sie könnten ohne weiteres auch über dem jeweils anderen stehen. Kalte Herzen haben sie alle, die Menschen, die nach Geld gieren. Und das hauffsche Herz aus Stein ist dabei nur noch ein umso wirkungsmächtigeres Symbol. Und so gelingt Naber gleich zweierlei: sich auf der „Spielwiese“ auszutoben, wie er das nennt. Und doch wieder eine verblüffende Parabel auf Ökonomie und Ausbeutung zu schaffen.

Aus dem Schwarzwald blitzt das Elbsandsteingebirge

Dass zwischen dem Original-Schwarzwald immer auch ein bisschen Elbsandsteingebirge durchblitzt, ist dabei kein Zufall. Der aus Baden-Baden gebürtige Regisseur hat bewusst auch dort gedreht, um eben nicht, wie so oft in deutschen Kostümfilmen, historisch korrekt zu filmen. Um in eine eklektische, fremde Welt zu entführen.

Aber auch ganz pragmatisch, um dem alten Defa-Film zu huldigen, in einer ostdeutschen Landschaft zu drehen und den Menschen aus der DDR, wo jener Film quasi zum Kulturgut gehörte, das Gefühl zu geben, das ihnen nicht schon wieder ein Teil ihrer Identität genommen wird.

Das kalte Herz, das kann man freilich auch noch ganz anders, ganz kino-immanent als Metapher verstehen. Immer häufiger ersetzen im modernen Film ja scheinbar spektakuläre Computereffekte die Gefühle, was gerade auch im Fantasy-Genre zu beobachten ist. Das Herz wird dort nicht angesprochen, derartige Filme, das wird immer häufiger beklagt, lassen einen kalt. Auch Johannes Naber arbeitet mit solchen Effekten. Er setzt sie aber sehr behutsam ein. Und setzt mehr auf die altmodischen Effekte: die Gefühle. Das Herz eines Films darf kein Stein sein.