Klassikkritik

Das Sinfonieorchester folgt Omer Meir Wellber

Das Konzerthaus prallgefüllt, das Orchester hochengagiert, das Programm vielversprechend: Omer Meir Wellbers Auftritt in Berlin.

Der 34-jährige Dirigent Omer Meir Wellber

Der 34-jährige Dirigent Omer Meir Wellber

Foto: Reto Klar

Optimale Voraussetzungen für das Debüt eines talentierten Nachwuchsdirigenten: das Konzerthaus prallgefüllt, das Orchester hochengagiert, das Programm mit Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 und Tschaikowskys „Manfred“-Sinfonie äußerst vielversprechend. Es ist der langerwartete erste Auftritt des 34-jährigen Israeli Omer Meir Wellber beim Rundfunk-Sinfonieorchester.

Enttäuschend zunächst leider der Beethoven. Der italienische Pianist Davide Cabassi verfügt zwar über ein außerordentliches Maß an Brillanz und Geläufigkeit. Innerlich erfüllt wirkt sein Beethoven allerdings nicht. Es fehlt die Binnenspannung zwischen den Tönen, das gesangliche Legato, das verführerische Farbspektrum. Bei Cabassi klingt das Klavier an diesem Abend immer nach Klavier, niemals nach mehr. Dirigent Wellber erzeugt derweil einen dunklen, mitunter sehr robusten Orchesterklang, der für sich allein überzeugend wirkt, doch nur selten zum virtuosen Strahlen des Solisten passt.

Und Tschaikowskys „Manfred“-Sinfonie nach der Pause? Erst hier lässt sich wirklich nachvollziehen, warum Wellber als Dirigent derzeit so hochgehandelt wird. Er schafft es, das Bestmögliche aus jenem Werk herauszuholen, über das in der Musikgeschichte bereits vielfach die Nase gerümpft wurde. Es ist das Porträt des Anti-Helden Manfred, eines Verbrechers, der von Seelenqualen gepeinigt wird, sich in Traumvisionen flüchtet und letztendlich in der Hölle landet. Eine „Oper ohne gesungenen Text“ nannte Dirigentenlegende Arturo Toscanini einst dieses Tschaikowsky-Opus.

Omer Meir Wellber scheint es genauso zu empfinden, denn das Opernhafte ist in seiner Interpretation allgegenwärtig. Heftige Bedeutungsschwere lastet auf dem Kopfsatz. Wellber setzt seinen gesamten Körper ein, um die Depressionen des Anti-Helden Manfred hörbar zu machen. Für das Orchester existiert keine andere Möglichkeit, als dem Dirigenten von der ersten bis zur letzten Sekunde zu folgen. Wellbers Ausdruckswille: kategorisch, sein Mittel: höchstmögliche Intensität. Selbst in den tänzerischen Passagen und den Traumsequenzen lenkt er die Musiker mit starkem Arm. Das Verblüffende daran: Das Orchester wirkt trotzdem frei und berauscht vom eigenen Spiel.