Ausstellung in Berlin

Uncertain States: Aufbruch, Angst, Neuanfang

Die Akademie der Künste verknüpft Fluchtgeschichten von Brecht oder Benjamin mit zeitgenössischer Kunst. Spaß macht hier nichts.

Reisepass von Walter Benjamin, ausgestellt am 10. August 1928

Reisepass von Walter Benjamin, ausgestellt am 10. August 1928

Foto: Nick Ash, Akademie der Künste / BM

Ein Lederkoffer, eine Puppe, ein Pass, eine Rolle Stoff. Auf den ersten Blick nur Alltagsgegenstände, auf den zweiten erzählen sie Geschichten über Krieg und Vertreibung, Flucht und Neuanfang. Da ist zum Beispiel ein kleiner roter Kalender, Kreditkartengröße etwa, der macht das mit erschütternder Lakonie. Am 19. Februar 1933 steht dort in schneller Schreibschrift „Konzert“. Zwei Tage später bloß „abgereist“, dick unterstrichen. Dazwischen nichts, keine Worte, keine Termine. Der Kalender erzählt von der Flucht seines Besitzers, des Schriftstellers Heinrich Mann. 1933 flieht er überstürzt nach Frankreich. Im Exil wird ihm die Staatsbürgerschaft entzogen, wenige Jahre später flieht er weiter – über die Pyrenäen bis nach Amerika.

„Historische Tiefbohrung“

Manns Geschichte, verpackt in eine kleine Glasvitrine, ist nur eine von 24. Andere berichten von Walter Benjamin und Bert Brecht, Anna Seghers und Kurt Tucholsky. Die Akademie der Künste hat für die Ausstellung „Uncertain States. Künstlerisches Handeln in Ausnahmezuständen“ ihr Archiv geöffnet und Objekte hervorgeholt, die Heimat und Flucht, auch Gewalt und Verlust reflektieren.

„Wir haben eine historische Tiefenbohrung vorgenommen“, sagt der Archiv­direktor Werner Heegewaldt. Herausgekommen ist eine Ausstellung, die vergangene Erlebnisse mit aktuellen verknüpft. Denn neben den Fluchtgeschichten berühmter Akademie-Mitglieder zeigt die Schau viel Zeitgenössisches.

Schüsse, abgefeuert in unglaublicher Langsamkeit zum Beispiel. Der Künstler Nasan Tur hat in der Videoinstallation „First Shot“ aufgezeichnet, wie zehn Menschen zwischen 18 und 80 Jahren ihren ersten Schuss abgeben. Ein Großmütterchen mit silbernem Haar und Wollpulli hält die Waffe mit zittrigen Händen. Eine andere, jüngere Frau, die Augen starr geradeaus gerichtet, lächelt, als die Kugel die Pistole in ihren Händen verlässt. Jeder reagiert hier anders auf die Waffe und die abgefeuerte Gewalt.

Tur scheint es um diesen Kontrollverlust zu gehen, auch ein anderes Video thematisiert das. Das zeigt ihn selbst, in seinem Atelier stehend, wie er sich in Zeitlupe einnässt. Während die Urinspur in seiner Jeans größer wird, spiegeln sich auf seinem Gesicht Ohnmacht und Angst – wie auf der Flucht.

Nichts gibt mehr Halt

Spaß macht hier nichts. Auch andere Installationen, Fotos und Plastiken berichten nicht von den guten Seiten des Kosmopolitismus, was sich Akademie-Präsidentin Jeanine Meerapfel zuvor auch gewünscht hatte. Stattdessen verliert der Besucher selbst den Boden unter den Füßen – wie in William Forsythes Installation „The Fact of Matter“. Unzählige Plastikringe baumeln da von der Decke. Man soll versuchen, in die Ringe zu steigen und sich durch den Raum zu hangeln, ohne den Boden zu berühren. Unmöglich ist das, alles schwankt, nichts gibt mehr Halt.

Dieses Gefühl zieht sich durch alle Arbeiten dieser Schau. Manchmal wird diese Angst poetisch inszeniert, meistens wird es aber eher brutal wie in dem Video „Barbed Hula“ von Sigalit Landau. Ein Hula-Hoop-Reifen aus Stacheldraht kreist dort unendlich langsam um die Taille der nackten Künstlerin. Er gräbt sich ins Fleisch wie ein Grenzzaun in die Haut eines Fliehenden. Man kann sich dem nicht entziehen. Bis man selbst diese Ohnmacht spürt.

Akademie der Künste Hanseatenweg 10, Di. 11–22 Uhr, Mi.–So. 11–19 Uhr. Bis 15.1.2017