Kultur

Ganz in Weiß getaucht: Iphigenie auf der Flucht

Goethes Klassiker am Deutschen Theater zieht sich in die Länge

Frisch gestrichen! Das gilt an diesem Abend leider nur fürs Mobiliar. Regisseur Ivan Panteleev inszeniert am Deutschen Theater Goethes „Iphigenie auf Tauris“ statisch und deklamierend, lässt seine Darsteller erstmal zu Pinsel und Farbe greifen. Iphigenie hatte soeben beklagt, dass es ihr dort in der Fremde, auf Tauris, überhaupt nicht gefalle. Und schon rücken ihre Mitspieler, als könnte eine Renovierung helfen, als Malerkolonne an.

Alles, was auf der Bühne steht, wird weiß getüncht. Ein paar Stühle, eine Klappleiter und ein vierbeiniges, fast bühnenbreites Podest hat Johannes Schütz dort aufgebaut. Und die gesamte Spielfläche außerdem als nach vorne an die Rampe gezogenen und nach hinten begrenzten Kasten verengt. Auch der ehemals schwarze Boden und die Wände bekommen einen neuen Anstrich. Was dazu führt, dass Iphigenie, die die meiste Zeit des Abends oben auf dem altarartigen Podest steht, sich in ihrem unschuldig weißen Kleidchen gut abhebt vor dem oben immer noch schwarzen Hintergrund. Und die anderen unten, der König Thoas, Iphigenies Bruder Orest, sein Kumpel Pylades und der Königsbote Arkas sich ebenfalls abheben, in ihrer komplett schwarzen Kleidung vor der nunmehr weißen Wand. Doch diese Grenzen werden verwischen, die Farbe verschmiert zunehmend, die dunklen Kleider und bisweilen greift Iphigenie selbst in den Eimer und weißt die Mitspieler an Kopf und Haaren. Denn Iphigenie, die bei Kathleen Morgeneyer sehr traurig, spröde, leidend ist, wird sich durchsetzen. Sie behält den ganzen Abend über leise die Oberhand und wird sich von den Göttern emanzipieren, den Kleingeist der Menschen besiegen und den Fluch, der auf ihrer Familie lastet, überwinden.

Große Dinge, die Goethe da verhandelt. Verpackt in die Geschichte eines Mädchens, das eigentlich geopfert werden sollte, dann aber doch gerettet wird und in der Fremde landet. Da will sie wieder weg. Der dortige König dagegen will sie dabehalten. Und heiraten. Iphigenie will das nicht. Hinter allem dräut der Familienfluch und so landet auch Iphigenies Bruder Orest auf derselben Insel, weil er glaubt, dort eine Statue rauben zu müssen, um den Fluch zu durchbrechen.

Ivan Panteleev lässt seine Darsteller diesen ganzen kompletten Kontext erzählen, man könnte auch sagen vortragen. Aber eben nicht spielen. Moritz Grove als Orest und Camill Jammal als Pylades sitzen sehr oft einfach nur auf zwei Stühlen in der Ecke. Und Iphigenie? Die hat ganz am Schluss noch ihren großen Moment. Als sie dem König abringen kann, sie und die ihren gen Heimat ziehen zu lassen, da verändert sich Iphigenies Leidensmiene im Gesicht von Kathleen Morgeneyer in feinen, spöttischen Triumph. Ein toller Schauspielmoment, der aber die zwei zähen Stunden davor nicht aufwiegen kann.

Deutsches Theater, Schumannstr. 13a. Wieder am 19. und 28. Oktober, 19.30 Uhr.