Mercedes-Benz-Arena

Konzert von Schiller: Autogenes Training trifft Discoklänge

Beim letzten Konzert seiner Tour bietet Schiller wie gewohnt nicht nur Musik zum Entspannen, sondern auch eine gigantische Lichtshow.

Christopher von Deylen alias Schiller

Christopher von Deylen alias Schiller

Foto: Britta Pedersen / pa/zb

Sphärische Klänge wie von Meister Yoda geschickt, dazu ein leichter Rhythmus, ein bisschen Bass. Alles ist hier wohldosiert. Sogar die Lichter sind sanft, streicheln behutsam über die Schöpfe. Man schließt die Augen, träumt sich fort. Nur. Nicht. Einschlafen.

Nein, das ist kein autogenes Training und auch keine Yogastunde. Es ist Schiller, 2016. Für das letzte Konzert seiner Arena-Tour ist der Elektro-Musiker in seine ehemalige Heimat zurückgekehrt. Christopher von Deylen, Kopf von Schiller, hat 15 Jahre lang in Berlin gewohnt, bis er entschied, dass es sich besser in den USA lebt. Sein letztes Konzert in der Mercedes-Benz Arena ist mittlerweile vier Jahre her. Daran will er nun anknüpfen. Oder, mit von Deylens Worten: „Aufgrund positiver Erfahrungen mit Euch als Publikum“ sei er wieder da. Am Freitagabend sind 6.500 Zuschauer in die Mercedes-Benz Arena gekommen, um das zu sehen.

Von Deylen, ganz in schwarz, nur die Schuhe leuchten silbern, tritt vor dem Konzert auf die Bühne, um sich selbst anzukündigen. Er freue sich auf einen bunten und lauten Abend, sagt er. „Es ist unglaublich zu erleben, was aus der Musik geworden ist“, sagt er dann, schaut durch seine schwarze Brille ins Publikum und fasst sich mit der rechten Hand ans Herz. Das tut er häufig an diesem Abend. Als könne er wirklich nicht so recht glauben, was da seit 18 Jahren passiert. Dass er bis heute über sieben Millionen Alben verkauft, Platin- und Goldplatten erspielt und zwei Echos gewonnen hat. Dass er das Musikprojekt Schiller, benannt nach eben jenem berühmten Dichter, bereits 1998 ins Leben rief, das ist aber nicht nur an seinem Repertoire – neun Alben sind es mittlerweile – erkennbar. Sondern ein bisschen auch am Publikum, am lichter gewordenen Haar und an den Lesebrillen. Seit man Schiller auf der ersten Clubbühne gehört hat, altert man solidarisch sozusagen.

Eine Vorband gibt es an diesem Abend nicht. Das Warm-Up erledigt Schiller gleich selbst. Kaum zerfetzt der erste Scheinwerfer die Dunkelheit, fangen die Zuschauer an zu pfeifen. Wer zum Schiller Konzert kommt, der will nämlich nicht nur hören, sondern auch etwas sehen. Was Schiller hier liefert, das ist kein Konzert. Es ist auch Performance und eine Lichtshow, an der Ólafur Elíasson seine Freude hätte. Scheinwerfer gleiten unentwegt über die Köpfe hinweg, ziehen Kreise am Arenahorizont, werden zu Nordlichtern, Sonnenaufgängen, Sternenbildern. Dabei geht es von Deylen eigentlich nicht um Effekthascherei. Es geht ihm, das hat er häufiger gesagt, um Entschleunigung.

Wenn die Zuschauer seinen elektronischen Kompositionen lauschen, dann sollen sie endlich mal bei sich sein. Also nicht andauernd Facebook checken oder auf das Smartphone linsen. Dass das an diesem Abend trotzdem einige tun, kann daran liegen, dass Schiller Zeit braucht, um die Arena in Schwung zu kriegen. Die ersten Stücke klingen so, wie schon das neue Album heißt, „Future“ nämlich. Zu minimalistisch klingen die Elektrolieder, etwas zu langsam auch für die noch kalte Arena. Wasserrauschen und Vogelgezwitscher kommen zu den mechanischen Tönen hinzu. All das hört sich an wie ein Musik gewordener Sonnenaufgang. Da komponiert von Deylen auch am liebsten. Ganz früh, wenn die Welt um ihn herum noch im Halbschlaf ist.

Dass sich von Deylens Auftritt doch von einer Entspannungsübung zum Arenakonzert wandelt, das ist perfekt choreografiert. Von Deylen, der hinter Synthesizern und Computern in der Mitte der Bühne thront, hat Bassisten, Gitarristen, Sänger und einen Schlagzeuger zu sich nach vorn geholt. Gemeinsam mit ihnen lässt er den Bass Stück für Stück mehr wummern, den Dance-Rhythmus die Lethargie vertreiben. So wie bei „Once Upon A Time“, einem der neuen Songs. Das lässt von Deylen hinter seinem Synthesizer schneller wippen, die Ränge aufstehen und frenetisch klatschen.

Von Deylen bindet auf allen Alben neue Künstler ein. Nach Unheilig, Peter Heppner und Xavier Naidoo hat er bei „Future“ mit der jungen Londoner Sängerin Arlissa zusammen gearbeitet. Auch sie ist mit nach Berlin gekommen, um „Paradise“, die erste Singleauskopplung des neuen Albums, mit Schiller zu singen. Seine Synthie-Beats, das wird hier klar, die passen wunderbar zu Stimmen wie dieser. So entstehen Elektronik-Balladen, die so kalt sind, dass man fröstelt. Und dann, es scheint perfekt organisiert, doch wieder wärmen.

„Eine Zeit habe ich gedacht, heute sei das letzte Konzert dieser Größenordnung“, sagt der 45-Jährige zum Ende. Er habe das Gefühl gehabt, alles gesagt zu haben, seiner Musik nichts mehr hinzufügen zu können. Die Arena buht, Pfiffe ertönen von überall her. „Lasst mich doch mal ausreden“, sagt er dann und lacht. Die Zuschauer hätten ihm so viel Kraft gegeben. Er denke nun doch anders. Und zum Schluss, klar, das darf einfach nicht fehlen, spielt er seine alten Hits. „Ruhe“ von 1999 und dann, alle Scheinwerfer zielen auf von Deylen, den Mann hinter den unzähligen Keyboards und Reglern, den Song, den er 2004 gemeinsam mit Peter Heppner aufnahm, „I Feel you“.