Kultur

„Die Nervensäge der DDR“

Zwei Stunden reichen für so ein Leben nicht: Wolf Biermann stellt seine Autobiografie vor

Wolf Biermann ruckelt auf dem Sitz, lugt dem Moderator über die Schulter, um einen Blick auf seine Fragen zu werfen, er drückt dessen Arm, wenn dieser sich anschickt, ihn zu unterbrechen, er ringt den armen Burghart Klaußner geradezu nieder, als dieser aufstehen möchte und aus Biermanns Buch vorlesen möchte. Denn Wolf Biermann will erst seine Anekdote beenden, auch wenn sie länger dauert.

Zwei Männer sind dem zappelphilippigen Liedermacher auf der Bühne des Berliner Ensembles zur Seite gestellt: Stefan Aust, Herausgeber der „Welt“, und Schauspieler Burghart Klaußner. Wolf Biermann hat dieser Tage mit 570 Seiten seine ziemlich umfangreiche Autobiografie „Warte nicht auf bessre Zeiten“ herausgebracht. Geholfen hat Wolf Biermann dabei zum einen, dass er penibel Tagebuch geführt hat, und zum anderen gab es eine „Konkurrenzprosa“, so Stefan Aust über die Stasi-Berichte. 200 Spitzel haben 50.000 Seiten über ihn zusammengetragen.

Wer so viel Leben hatte, dem rennt schon in Minute Eins die Zeit davon. Zwei Stunden wird dieser Abend dauern, und am Ende ist viel zu wenig gesagt. Seine Zeit in der Bundesrepublik ab 1976, der Fall der Mauer, sein heutiges Leben, über all das wird an diesem Abend nicht gesprochen werden. Vornehmlich geht es um seine einstige Paraderolle als „Nervensäge der DDR“ (Stefan Aust). „Ich habe immer gesagt, was ich denke“, sagt Wolf Biermann. Auf der Bühne verlegt er sich auf die Rolle des etwas naiven Kämpfer für den wahren Kommunismus, aus dem Buch erfährt der Leser Biermanns Ängste und welche Anstrengungen es kostete, sie wieder und wieder zu überwinden.

Dreimal liest Burghart Klaußner aus der Autobiografie vor: Wolf Biermann erinnert an seinen Vater, der in Auschwitz­ ermordet wurde und seine Flucht durch das brennende Hamburg, anschließend an das Bestreben der Parteiführung ihn auf Kurs zu bringen und schließlich an den unermüdlichen Einsatz der Staatssicherheit ihn, wie auch immer, ruhigzustellen. Mit dämonischer Kraft versteht Burghart Klaußner die Kunst des Vorlesens. Man glaubt selbst durch das verwüstete und brennende Hamburg während der „Operation Gomorrha“ im Jahr 1943 zu rennen. Und nebenbei liefert er, der ansonsten stumm der Diskussion folgt, eine der schönsten Anekdoten des Abends, unterstreicht sie doch beiläufig die einstige Bedeutung Biermanns: Burghart Klaußner musste ausgerechnet an jenem 13.11.1976 in Köln auf der Bühne stehen, an dem Wolf Biermann in der Kölner Sporthalle auftrat. Maxim Gorkis „Nachtasyl“ habe auf dem Programm gestanden, so berichtet Burghart Klaußner, er habe nur eine kleinere Rolle gehabt mit einem Auftritt im ersten und im vierten Akt. Zeit für einen Abstecher in die Sporthalle, aber keine Zeit zum Umziehen. So kam es, dass unter den Konzertzuschauern auch ein voll verkleideter, bartbehangener Mann unter Biermanns Zuschauern war.

Spielen kann Wolf Biermann an diesem Abend, einen Finger hat er sich verletzt, kunstgerecht ist er bandagiert. Stattdessen läuft vom Band seine kämpfe­rische „Bilanzballade im dreißigsten Jahr“. Der Zorn von einst ist vergangen, der milde Spott über sich und die Welt ist ihm in seinem achtzigsten Jahr erhalten geblieben.