Kultur

Dario Fo stirbt mit 90 Jahren in Mailand

Der Literaturnobelpreisträger war ein Anwalt der Machtlosen

„Ich bin entsetzt“, soll er gerufen haben, als die Nachricht kam, dass der Nobelpreis für Literatur 1997 an ihn geht. Denn akademischer Ruhm und Weihen, erst recht allerhöchste Weihen, waren Dario Fo stets suspekt. Auch begriff er sich nicht als Literat oder Dichter, sondern sah sich hauptberuflich als Volkstribun. Am Donnerstag starb Dario Fo mit 90 Jahren in einem Mailänder Krankenhaus.

Der italienische Stückeschreiber, Schauspieler und Regisseur war ein streitbarer Anwalt der Machtlosen, der die Mächtigen, besonders den Klerus, lustvoll attackierte und die Straße liebte, die er, erpicht auf Randale und Skandale, als Bühne nutzte. Das Theater war ihm das andere Sprachrohr für seine weltverbesserischen Ideen, Verstärker seiner Protestaktionen und prickelnder Ort für einen rotzig sozialkritischen, plebejisch ballernden Unterhaltungsbetrieb. Dort inszenierte er, meist locker improvisatorisch, seine anarchischen, saftig unterhaltenden Stücke aus Komödie, Klamotte, Kabarett, aus Schwank, Farce und Propaganda.

Bei diesen unentwegten Klein- und Großeinsätzen für die „Würde der Schwachen und Gedemütigten“ (so die Preis-Begründung der Schwedischen Akademie) trat man selbstverständlich gezielt in alle nur erdenklichen Fettnäpfe. Es gab viel Ärger mit Polizei und Justiz. Fo wurde mehrmals von der offenen Bühne weg in Untersuchungshaft gesteckt. Die USA verhängten ein Einreiseverbot, weil er, so die Begründung, zu Terrorismus, Diebstahl, Lüge und zur Schändung religiöser Gefühle verführe. Und im katholischen Italien gab es den meisten Ärger mit der Geistlichkeit; denn ihr machte der sarkastische große Spötter besonders lustvoll die Hölle heiß.

Er hatte Ärger mit der Polizei und den Geistlichen

Das Stirnrunzeln der Obrigkeiten, doch auch das Schenkelklopfen eines amüsierten Massenpublikums versteht man schon beim Nennen der Titel der agitprophaften Stücke, teils plump, verwegen oder geradezu virtuos zusammenschustert mit Blick auf Fernsehen und Tageszeitungen sowie mit Seitenblicken auf die urwüchsige, noch nicht von Goldoni gezähmte Commedia dell’arte, aufs Varieté, auf Slapstick und Sketch. Diese in viele Sprachen übersetzten Gebrauchsdinger heißen „Siebentes, stiehl ein bisschen weniger“, „Zufälliger Tod eines Anarchisten“, „Ordnung für die Geld-Götter“, „Der Papst und die Hexe“, „Ruhe, wir sind im Absturz“, „Hilfe, das Volk kommt“ oder „Der Teufel mit den Titten“. Das krachende Ehe-Kabarett „Offene Zweierbeziehung“ oder die Kleine-Leute-Revolte „Bezahlt wird nicht“ sind bis heute Kassenschlager aller Komödienstadl und Staatstheater. „Wir sind Flegel“, sagte der unduldsam klassenkämpferische Spaßmacher, und meinte mit „wir“ selbstverständlich seine Koautorin und Mitmacherin in jeglicher Hinsicht Franca Rame. Beide waren mehr als ein halbes Jahrhundert lang glücklich miteinander verheiratet.

„Wir sind überzeugt, dass im Gelächter, im Grotesken, in der Satire, der höchste Ausdruck des Zweifels liegt, die wichtigste Hilfe der Vernunft.“ So einfach das klingt, es ist das stets nur mit Anstrengung zu erfüllende Credo eines menschenfreundlichen, bissigen und schalkhaften Aufklärungsunternehmens. Fo, 1926 in Sangiano am Lago Maggiore geboren, stand lebenslang politisch weit links. Derart weit, dass er selbst der Kommunistischen Partei suspekt war. Später dann war ihm die italienische KP suspekt, er beschrieb sie als haltungslose, völlig nach rechts ausgebüxte Truppe. Ohnehin aber ließ sich ein Star wie Fo, der bei aller Leutseligkeit ziemlich arrogant sein konnte, von keiner Firma vereinnahmen. Doch blieb er, bekannt wie ein bunter Hund in seinem Land, süchtig nach Politik.