Kultur

Ein Sänger auf dem Thron der Dichter

Ausgerechnet Songschreiber Bob Dylan wird in diesem Jahr mit dem Literaturnobelpreis der Schwedischen Akademie ausgezeichnet

Peter E. Müller

Es kommt einer kleinen literarischen Revolution gleich. Keiner hatte ernsthaft damit gerecht. Der amerikanische Sänger und Songschreiber Bob Dylan (75)­ erhält den Nobelpreis für Literatur. Zum ersten Mal wird damit ein Liedermacher mit der höchsten literarischen Auszeichnung der Welt geehrt. Dylan habe „neue poetische Ausdrucksformen innerhalb der großen amerikanischen Song-Tradition“ erschaffen, heißt es in der Begründung des Nobelpreiskomitees der Schwedischen Akademie. Was für eine mutige Entscheidung.

Als Kandidat wurde der so wortmächtige wie unkonventionelle Sänger mit der knarzigen Stimme schon seit vielen Jahren gehandelt. Es war eine von den Schriftstellern John Bauldie und Allen Ginsberg angeführte Kampagne, die 1996 zur offiziellen Nominierung Dylans führte. Immer wieder mal tauchte er auf der Liste auf. Einen klaren Favoriten gab es nicht in diesem Jahr. Beim britischen Wettanbieter Ladbrokes standen zuletzt der Kenianer Ngugi Wa Thiong’o, der Japaner Haruki Murakami, der syrische Dichter Adonis und der US-Amerikaner Philip Roth hoch im Kurs. Von Dylan kein Wort. Nun ist er der erste US-Amerikaner seit Toni Morrison 1993, der mit der hohen schwedischen Auszeichnung bedacht wird.

Dabei verwundert die Wahl nur auf den ersten Blick. Denn Bob Dylan war schon immer ein dem Wort verbundener Musiker. Er hatte seinen Texten eine sprachliche Komplexität gegeben, die es in der populären Musik so noch nicht gegeben hatte. Musikalisch zunächst beeinflusst von Volkssänger Woody Guthrie, waren es Autoren wie Artur Rimbaud, Paul Verlaine und Charles Baudelaire, vor allem aber die biblischen Schriften, die Dylan zu seinen überlangen, so politischen wie poetischen Balladen inspirierten.

Seine Lieder belegten schon früh sein lyrisches Talent

Geboren 1941 in Duluth/Minnesota, begeisterte er sich schon früh für die Musik von Hank Williams und Chuck Berry, war aber auch fasziniert von den großen amerikanischen Autoren wie John Steinbeck. Sein Entschluss, Musiker zu werden, stand schnell fest. 1961 landete er im New Yorker Greenwich Village, spielte erste Lieder in den Coffeehouses, ging auf in der blühenden Folk-Szene. Während sein erstes, 1962 erschienenes Album noch vornehmlich Fremdkompositionen enthielt, brachten seine folgenden Alben „The Free­wheelin’ Bob Dylan“ und „The Times They Are A-Changin’“ den Durchbruch.

Sein sozialkritisches Lied „Blowing In The Wind“ etwa wurde zur pazifistischen Hymne einer ganzen Generation – und ein Welthit. Bis heute gehört das Stück zu Dylans Live-Repertoire. Und Lieder wie das apokalyptische „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ belegten früh sein außergewöhnliches lyrisches Talent. „Ich sah einen schwarzen Zweig mit Blut, das nicht aufhörte zu tropfen“, heißt es da. „Ich sah einen Raum voller Männer mit ihren verdammten Hämmern. Ich sah Zehntausende Sprecher mit gespaltenen Zungen. Ich sah Waffen und scharfe Schwerter in den Händen von Kindern. Und es ist ein heftiger, es ist ein harter, wird ein harter, es ist ein harter, ja es ist ein harter Regen, der fallen wird.“

Seine mit Symbolen und Metaphern durchsetzten Werke machen ihn zu einem der wichtigsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Über die frühen Jahre schrieb er in seiner 2004 erschienenen Autobiografie „Chronicles 1“: „Amerika wandelte sich. Ich ahnte eine schicksalhafte Wendung voraus und schwamm einfach mit dem Strom der Veränderung.“ Und verändert hat er sich immer wieder. Denn er wollte weder Folk-Idol noch politische Symbolfigur sein.

Er öffnete sich der Rockmusik und elektrischen Gitarren, wurde dafür in den USA ausgebuht und in England als „Judas“ beschimpft. „Miles Davis wurde ausgebuht, Hank Williams wurde ausgebuht, Strawinsky wurde ausgebuht“, sagte er später einmal. „ Man ist ein Niemand, wenn man nicht manchmal auch ausgebuht wird.“ Er entfernte sich von seinen Fans, doch die entfernten sich nicht von ihm.

Es entstanden mal großartige, mal ambitionierte, mal seltsame Songkollektionen, von „Bringing It All Back Home“ oder „Highway 61 Revisited“ bis zu „Blood On The Tracks“ oder „Desire“. Wobei es in den 70er- und 80er-Jahren eher ruhiger wurde um Bob Dylan. Ende der 80-er aber begann er seine „Never Ending Tour“, bei der er mit seinen stets erstklassigen Musikern um die Welt zieht und mindestens 100 Konzerte gibt. Jahr um Jahr.

Im Alter gibt er sich ganz denSongs von Frank Sinatra hin

Und auch immer wieder in Berlin. Zuletzt konnte man ihn im vergangenen Herbst an gleich zwei Abenden im Tempodrom erleben. Als abgeklärten Unterhalter, der sein Erbe ebenso pflegt wie die US-amerikanischen Musiktraditionen. Und sich im Alter den Balladen von Frank Sinatra hingibt, die er auf seine unnachahmlich knorrige Art interpretiert. 1997 erschien mit „Time Out Of Mind“ eine düstere Platte, die zu seinen besten zählt. Die nicht minder ambitionierten Alben „Modern Times“ (2006) oder „Tempest“ (2012) folgten. Rund 100 Millionen Tonträger soll Bob Dylan in seiner mehr als 50 Jahre währenden Karriere verkauft haben. Den Pulitzer-Sonderpreis für seinen besonderen Einfluss auf die Popkultur und seine „lyrischen Kompositionen“ hat er 2008 erhalten. Nun den Literatur-Nobelpreis.

Doch so begrüßenswert die Entscheidung der Akademie ist, so fragwürdig erscheint sie auch. Dylans Wahl wird Diskussionen anfeuern. Denn er ist und bleibt in erster Linie ein Musiker. Er ist kein Lyriker, dessen Texte auch in Buchform, schwarz auf weiß, ihre Wirkungsmacht ganz allein durch das Wort verbreiten konnten. Seine Texte bedürfen stets der musikalischen Unterstützung, erst dann werden sie zu den überwältigenden Song-Poemen, die sie sind. Sein einziger Gedichtband „Tarantula“ von 1966 wurde eher zwiespältig aufgenommen. Insofern ist die Stockholmer Entscheidung durchaus gewagt.

Der Nobelpreis für Literatur ist dotiert mit acht Millionen Schwedischen Kronen (rund 880.000 Euro). Stifter war der schwedische Industrielle Alfred Nobel (1833–1896). Nach dessen Willen soll den Preis derjenige erhalten, „der in der Literatur das Ausgezeichnetste in idealistischer Richtung hervorgebracht hat“. Das Werk soll von hohem literarischen Rang sein und dem Wohl der Menschheit dienen. Der Nobelpreis wird am 10. Dezember, dem Todestag Alfred Nobels, in Stockholm verliehen.