Kultur

„Inside IS“ im Grips: Mal rasant gespielt, dann klischeehaft

Das Kindertheater bringt Todenhöfers Buch auf die Bühne

Beim Applaus steht er dann selbst zwischen den Künstlern auf der Bühne: Jürgen Todenhöfer, selbst ernannter Islamexperte und Autor des Buchs „Inside IS – 10 Tage im ‚Islamischen Staat’“. Darin beschreibt er, wie er mit seinem Sohn Frederic nach vielen Skype-Gesprächen mit deutschen Anhängern der Terrororganisation IS nach Syrien reiste, um vor Ort mit ihnen über ihre Beweggründe zu sprechen. Das Buch ist umstritten, weil Todenhöfers Thesen wie die, der Westen habe den Terrorismus dieser extremen Ausprägung erst erzeugt, irgendwo zwischen menschenfreundlichem Pazifismus und Aluhut-Weltverschwörung pendeln. Und weil keiner genau weiß, was da in Syrien passiert ist.

Das Grips-Theater hat sich ausgerechnet mit Todenhöfers Reisebericht das wichtige Thema vorgeknöpft. Allerdings verwebt Autor Yüksel Yolcu in die Abenteuergeschichte eines Vater-Sohn-Aufbruchs drei Schicksale: Said ist ein enttäuschter Syrienrückkehrer, Fabian ein IS-Märtyrer aus verwirrtem Gerechtigkeitssinn, Melanie erliegt den obskuren Versprechungen ihrer „Schwestern“ auf Facebook.

Das funktioniert auf der Bühne erst mal sehr ordentlich, schließlich ist Yolcu ein versierter Grips-Regisseur. In die Grips-Arena hat ihm Ausstatter Ulv Jakobsen Stufen gestellt, die die Sitzbänke des Publikums als Steinimitate weiterführen, zugleich in ihren Klappfächern Requisiten bergen. In der Wand hinten fehlen zunehmend Steinplatten, in die Mitte werden Orte und Situationen projiziert. Davor jonglieren die sechs Schauspieler mit ihren vielen Rollen, setzen Bärte auf und ab, weiße Kappen, Schleier, Brillen. Das funktioniert nicht immer ohne Zuspitzung, Übertreibung, Klischeevertiefung. Aber es ergeben sich doch intensive, schnelle Szenen, die deutlich machen, aus welchen Gründen Jugendliche konvertieren und sich später radikalisieren. Manchmal gelingen große Momente, etwa zu Beginn, wo Yolcu zeigt, wie klein der optische Schritt vom Westeuropäer zum frommen Muslim ist. Oder die Gebetsteppich-Choreografie: Da weht einen die Schönheit des Islam an. Währenddessen werfen Thomas Keller und Sonny Thet live melancholische Tango- und Chansonklänge oder Störgeräusche ein.

Am schwächsten wirken dabei die Todenhöfer-Szenen, die einer Heiligsprechung gleichkommen – der coole, unerschrockene Typ, der ins Ungewisse aufbricht, um die Wahrheit zu erfahren, ein Held, der weiß, wie’s geht. Bei Christian Giese passt kein Blatt zwischen Todenhöfers Selbstporträt und Bühnenfigur. Vermutlich wäre es fruchtbarer gewesen, aus dem IS-Überläufer-Thema ein eigenes Stück zu machen. Die drei gezeigten Schicksale sind schon mal ein Anfang.

Grips-Theater, Altonaer Str. 22, Tiergarten. Tel.: 39747477. Termine: 15., 28., 29. Oktober, 18., 19., 21. November, 8., 10. Dezember.