Kultur

José Carreras langer Abschied

Der Abschied hat begonnen: Tenor José Carreras wird auf seiner „Final World Tour“ am Mittwoch in Berlin gefeiert. Schmal und blass sieht er aus, wie er da auf der Bühne der Philharmonie steht. Er war nie ein Haudrauftenor wie Pavarotti. Carreras hatte in seiner Erscheinung und seiner Stimme immer etwas Zerbrechliches. Im Dezember wird er 70. Vor zwei Jahren hat der Katalane mit der Oper „El Juez“ noch einmal auf der Opernbühne gestanden. Nun der letzte Akt unter dem Titel „A Life in Music“.

Wenn er singt, blüht er auf. Mit anrührender Hingabe steigert er sich in das „Cancion Hungara“ hinein. Carreras gestaltet es spannend, bis zum ersten gestählten Spitzenton am Ende. „Pas­sione“ singt er, aber nicht mit der Leidenschaft, die wie ein Vulkan ausbricht. Es ist bei Carreras eher ein inneres Beben, ein fiebriges An- und Abschwellen der Temperatur. Man kann an seinem Mienenspiel ablesen, was im Text vorgeht. Bravorufe fliegen ihm zu.

Eine Videoleinwand zeigt die Stationen seiner Karriere. Das macht den Abend noch etwas persönlicher. José Carreras hat die Opernwelt zwischen Mailand und New York früh erobert. Die Leukämie-Erkrankung 1987 war der große Einschnitt in seinem Leben. Danach hat er gemeinsam mit Placido Domingo und Luciano Pavarotti mit der Marke „Die drei Tenöre“ ein Millionenpublikum begeistert. Seine großen populären Opernrollen – Werther, Rodolfo, Alfredo, Edgardo – singt er seit vielen Jahren nicht mehr. Er muss sich der Konkurrenz nicht mehr aussetzen, auch nicht der mit seinem jüngeren Ich. Wenn er statt Verdi und Puccini lieber Costa, Serrano, Gardel, Valente, neapolitanische Volksmusik, Grieg und Satie interpretiert, ist das eine kluge Selbst­beschränkung. Er singt mit seinem lyrischen, immer auf Nuancen bedachten Tenor auch die Werke von Zweitligisten mit jeder Herzfaser.

Zwischen den Stücken wirkt er ein wenig angespannt, zupft sich nervös an den Manschetten oder raunt dem Dirigenten etwas zu. Am Pult steht wie schon seit Jahrzehnten sein Neffe David Giménez, der ihn mit dem Bohemia Sinfonieorchester Prag behutsam begleitet und ihm jeden musikalischen Wunsch von den Lippen abliest.

Venera Gimadieva – den Namen der russischen Sopranistin muss man sich merken. Sie bringt das jugendliche Feuer in den Abend. Bei den Liebesduetten schmachtet sie ihn an, während Carreras lieber ins Publikum guckt. Er mag auch im Traviata-Brindisi nicht mit ihr Walzer tanzen, obwohl sie ihn auffordernd anlächelt. Am Ende werden beide frenetisch gefeiert. Es ist allerdings so eine Sache mit Abschiedstourneen. Man weiß nie, wie lange sie dauern. Carreras selbst hat angedeutet, dass die Planung mindestens bis 2018 geht. Seine schelmisch glänzenden Augen am Ende des Konzerts sagen: Es ist noch nicht vorbei.