Klassik-Kritik

Wenn ein junger Dirigent zum Mikrofon greift

Lorenzo Viotti führt Honeggers Antikriegs-Sinfonie auf. In der Philharmonie tritt er als umsichtiger Begleiter zweier Debütanten auf.

Der erst 26-jährige Dirigent Lorenzo Viotti

Der erst 26-jährige Dirigent Lorenzo Viotti

Foto: Stephan Doleschal / BM

In der Reihe „Debüt im Deutschlandradio Kultur“ des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin gab der 26-jährige schweizerische Dirigent Lorenzo Viotti in der Philharmonie seinen Einstand. Viotti ist der Sohn des früh verstorbenen ehemaligen Chefs des Münchner Rundfunkorchesters Marcello Viotti und stammt somit als studierter Sänger und Schlagzeuger aus einer namhaften Musikerfamilie.

Diese Prägung erkennt man nicht zuletzt daran, dass Viotti die Formalitäten des klassischen Musiklebens souverän zu gestalten und zu durchbrechen weiß: Vor dem letzten Stück des Abends in der Philharmonie, Arthur Honeggers packender Antikriegs-Sinfonie „Liturgique“ von 1945, nimmt sich Viotti das Mikrofon und verweist auf die Dringlichkeit solcher Musik in Zeiten von Terror und Gewalt.

Insgesamt ist der hochgewachsene, zurückgenommene Viotti selbstsicher genug, um aus dieser letzten, zwischen expressionistischem Schrei, existenzieller Verzweiflung und religiöser Demut schwankenden Musik keine Jungdirigentenshow zu machen.

Auch zuvor agiert er vor allem als umsichtiger Begleiter zweier junger Debütanten, und die können tatsächlich ihre Fähigkeiten wirkungsvoll ausspielen. Da ist zunächst der quirlige US-amerikanische Pianist George Li, der Sergej Prokofjews berühmtes drittes Klavierkonzert in C-Dur op. 26 als atemberaubendes Kabinettstück zeigt.

Der spanische Cellist Pablo Ferrández steuert mit seiner Werkauswahl und seinem sehr eigenen Begriff von Virtuosität zur außergewöhnlichen musikalischen Vielfalt dieses Abends bei: Er spielt Josef Haydns eigentlich fast schon totgenudeltes Cellokonzert Nr. 1 C-Dur. Ferrández’ Virtuosität allerdings ist bemerkenswert: Sie liegt in der äußerst leichthändigen, gleichsam schwerelosen Behandlung seines Cellos, ohne jedes verkrampfte Wollen steigert er so spielerisch noch die Schnelligkeit des elegant aufspielenden Orchesters.

Es ist eine gelungene Ausrichtung der seit Rias-Zeiten bestehenden Debüt-Reihe mit dem DSO, aus der unglaublichen Menge internationaler Jungstars solche auszuwählen, die einen neuen Blick auf die ihnen anvertrauten Stücke werfen.