Klassik-Kritik

Der Pianist spielt Akkorde in leuchtenden Farben

Für James Rhodes scheint zwischen Bach und Chopin, Beethoven und Liszt kein Unterschied zu bestehen. Sein Konzert im Heimathafen.

Der Autor und Pianist James Rhodes feierte sein Berlin-Debüt im Heimathafen

Der Autor und Pianist James Rhodes feierte sein Berlin-Debüt im Heimathafen

Foto: Henning Kaiser / picture alliance / dpa

„Der Klang der Wut“ heißt die Autobiografie des Pianisten James Rhodes. Ein Buch, das in drastischen Worten von sexuellem Missbrauch und Drogensucht erzählt, von Selbstmordgedanken und Psychiatrie-Aufenthalten – und vom Klavierspiel als erlösender Kraft. Der gebürtige Londoner gab jetzt am Montag sein Berlin-Debüt im Heimathafen Neukölln.

Mit nettem Lächeln, grauen Wuschelhaaren und schwarzem Pulli, auf dem die Buchstaben „B A C H“ zu lesen sind, tritt Rhodes vor sein Publikum. „Mein Deutsch ist peinlich“, wird der einzige Satz bleiben, den der Pianist nicht auf Englisch spricht. Und auch sein Klavierspiel kennt nur eine Sprache: diejenige der Romantik des späten 19. Jahrhunderts.

Für Rhodes scheint zwischen Bach und Chopin, Beethoven und Liszt kein Unterschied zu bestehen – er spielt sie alle mit sehr ähnlicher poetischer Hingabe und gestalterischer Intensität.

Werke, die seine Fähigkeiten übersteigen

Er wagt sich dabei durchaus auch an Stücke, die seine technischen Fähigkeiten übersteigen – besonders hörbar ist dies in Chopins „Fantasie“ op. 49 und der „Polonaise-Fantaisie“ op. 61. Andererseits gibt es aber auch jene wunderbar lyrischen Momente des Innehaltens. Und vor allem: Rhodes’ Fähigkeit, statische Akkorde mit Energie und leuchtenden Farben aufzuladen.

Doch gerade die schwierigen Werke der Klavierliteratur scheinen es dem 41-Jährigen besonders angetan zu haben. Werke, die er sich erobern muss, Werke von existenzieller Wucht. Dass Rhodes in virtuoser Hinsicht nicht mit traditionell ausgebildeten Pianisten konkurrieren kann, liegt in seiner Biografie begründet.

Beethoven, ganz ohne Übertreibung

Entscheidend ist dabei nicht, dass er erst mit 10 Jahren zum Klavierspiel kam – auch Alfred Brendel und Arcadi Volodos waren Spätzünder. Schwerer wiegt, dass Rhodes erst im Erwachsenenalter wirklich guten Unterricht bekam, und dies erst nach vielen Jahren Klavierabstinenz.

Vor diesem Hintergrund ist es dann doch erstaunlich, wie weit Rhodes gekommen ist. So weit, dass er auf tiefe, bewegende Weise Beethovens Klaviersonate op. 110 interpretieren kann – ganz ohne exzentrische Übertreibungen, die man nach der Lektüre seiner Autobiografie vielleicht erwarten könnte.

Wirkliche Übertreibungen leistet sich Rhodes nur bei der Vorstellung der Werke. Für jeden seiner Lieblingskomponisten findet er den passenden Superlativ: Bach ist für ihn der musikalische Großvater aller folgenden Generationen. Beethoven nennt er das größte Genie aller Zeiten. Und Chopin? Kein anderer Komponist habe das Klavierspiel so revolutioniert.

Auffällig, wie konsequent Rhodes die meisten seiner Lieblingsschöpfer zu Seelenverwandten erklärt und dadurch immer wieder thematisiert, was ihm selbst so viel Aufmerksamkeit verschafft hat: der eigene, erschütternde Leidensweg.