Kultur

Ein Lehrstück über die Zufälligkeit von Lebenswegen

Maxim-Gorki-Theater skizziert den „Atlas des Kommunismus“

Matilda ist neun Jahre alt. Kommunismus? Davon hatte sie vorher noch nie was gehört. Dann trifft sie bei den Proben auf die 84-jährige Salomea Genin. Mit ihrer Familie floh die Jüdin aus Nazi­deutschland nach Australien, kehrte zurück in die DDR, wurde IM bei der Stasi, was sie später sehr bereute. Acht Biografien kartografiert die argentinische Regisseurin Lola Arias in ihrer Inszenierung „Atlas des Kommunismus“, die jetzt im Gorki Theater zu sehen ist. Sie ist der Auftakt zum Festival „Uniting Backgrounds – Theater zur Demokratie“. In den nächsten zwei Wochen werden im Gorki nationale und internationale Künstler in Diskussionen und Aufführungen eben jener politischen Ordnung nachspüren, die in Europa derzeit ordentlich erschüttert wird. Zum Auftakt geht es zunächst um Deutschland, vorwiegend seinen östlichen Teil. Wobei auch der Blick von außen vertreten ist. Durch Mai-Phuong Kollath, die als vietnamesische Vertragsarbeiterin nach Rostock kam. Was sie über ihre Behandlung dort berichtet, ist erschütternd.

Auf der Bühne, die mittig aufgebaut ist und von zwei Publikumsrängen gerahmt wird, lernen wir außerdem kennen: die Dolmetscherin Monika Zimmering, die Ex-Sängerin der DDR-Punkband „Namenlos“ Jana Schlosser und die 17-jährige Refugee-Aktivistin Helena Simon. Nur zwei der acht Protagonisten auf der Bühne sind theatererfahren: Performer Tucké Royale, der einzige Mann in der Runde, der sich als „Polittunte unter den Schwestern“ vorstellt und Gorki-Schauspielerin Ruth Reinecke, die Theatergeschichte im Gepäck hat. Sie stand 1988 mit auf der Bühne als Thomas Langhoff hier Volker Brauns „Übergangsgesellschaft“ inszenierte.

Es ist dies kein Abend über den Kommunismus geworden, sondern ein Abend über individuelle Lebenswege, nach denen die Politik zeitweise ihren langen Arm ausstreckte. Absicht, Zufall, Liebe, Revolte, die politische Initiation hat hier ganz unterschiedliche Motivationen. Dramaturgisch bleibt das alles etwas sprunghaft, weil Lola Arias das Individuell-Anekdotische betont. Es ist zugleich eine Stärke: Es geht nicht primär ums System, es geht um Menschen und die machen die Inszenierung ungemein sympathisch. Wenn die inzwischen 52-jährige Jana Schlosser noch einmal zur Punkerin wird und uns mit „Nazis in Ost-Berlin“ einen jener Songs lautstark um die Ohren haut, die sie für anderthalb Jahre ins Gefängnis brachten, ist das ein Gänsehautmoment.

Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Mitte. Tel. 20221115 Termine: 10. und 14.10.