Klassikkritik

Daniil Trifonovs virtuose Träumerei in der Philharmonie

Daniil Trifonov ist im Kammermusiksaal aufgetreten. Eigenwillig interpretiert er Strawinskys „Trois Mouvements de Pétrouchka“.

Der Kammermusiksaal ist eigentlich schon viel zu klein für diesen Pianisten: Daniil Trifonov, der triumphale Gewinner des Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerbs 2011, hatte bereits im Januar dieses Jahres gezeigt, dass er mühelos den Großen Saal der Philharmonie füllen kann. Dass der 25-jährige Russe nun auf besondere Einladung der Berliner Philharmoniker trotzdem noch einmal im Kammermusiksaal zu hören ist, hat aber einen großen Vorteil: Trifonov nutzt diese Gelegenheit zur Intimität nun in vollen Zügen.

Liebevoll nachsinnend präsentiert er den Beginn von Schumanns „Kinderszenen“ op. 15, lässt Basstöne bis zur Unhörbarkeit leise aus seiner Linken tropfen. Es ist ein sehr impressionistischer Schumann, angesiedelt zwischen Hypersensibilität und sphärischer Träumerei, zwischen Gebet und Meditation. Trifonov geht auf volles Risiko, scheint seine Klangvisionen gleichsam improvisatorisch zu entwickeln. Auch wenn durch seine äußerst freien Tempi mitunter Raum- und Zeitgefühl verloren gehen – spätestens bei den letzten beiden Nummern „Kind im Einschlummern“ und „Der Dichter spricht“ schwingt sich der Pianist zum unanfechtbaren Verkünder künstlerischer Wahrheiten auf.

Man spürt sie einmal mehr, die Identifikation Trifonovs mit dem Komponisten Robert Schumann. Auch bei seinem Kammermusiksaal-Debüt 2014 hatte er Schumann dabeigehabt – damals waren es die „Sinfonischen Etüden“ op. 13. Diesmal spielt er Schumanns „Kreisleriana“ op. 16. Es ist ein Zyklus, der nicht nur hohe Virtuosität und höchste musikalische Intelligenz voraussetzt, sondern auch eine große Portion Verrücktheit. Kurzum: Ein Werk, das für Trifonov wie gemacht ist.

Während man in Schumanns „Toccata“ op. 7 kurz zuvor noch den Eindruck gehabt hatte, dass der Pianist in erster Linie eine grandiose Show abzieht und unter heftigem Schnaufen vorgibt, das schwierigste und unbequemste Stück aller Zeiten aus der Tastatur zu meißeln, verhält es sich bei den „Kreisleriana“-Fantasien ganz anders. Denn hier stimmt plötzlich alles, wirkt alles authentisch.

Auf sehr eigenwillige Weise orches­tral wirken auch Strawinskys „Trois Mouvements de Pétrouchka“ der zweiten Konzerthälfte. Drei hochvirtuose Zugaben schenkt er dem Publikum schließlich – es hätten genauso gut zehn sein können.