Berliner Philharmonie

Dirigent Bernard Haitink setzt auf seine Holzbläser

Bernard Haitink hat den Berliner Philharmonikern seinen alljährlichen Besuch gestattet. Dabei war so einiges gewiss.

Wenn Bernard Haitink den Berliner Philharmonikern seinen alljährlichen Besuch abstattet, trifft einiges mit hoher Wahrscheinlichkeit ein: Es stehen nur zwei Werke auf dem Programm. Zwei Werke, die der niederländische Maestro stets auf unnachahmlich uneitle Weise musizieren lässt, so wach und klar und konzentriert notentextgetreu, dass die Zuhörer nie Gefahr laufen, von Gefühlen übermannt zu werden. Auch in Schuberts unvollendeter 7. Sinfonie ist sie an diesem Abend wieder zu erleben, jene hellsichtige handwerkliche Meisterschaft des Niederländers, die das Publikum zu genauestem Hinhören zwingt.

Der mittlerweile 87-jährige Haitink regelt den Charakter der Musik über feinste Verschiebungen in der Orchesterbalance und der Dynamik. Besonders auffällig dabei: der eher flache, obertonarme Klang der Streicher. Auffällig, weil Haitink seine Karriere selbst als Geiger begonnen hat und nun als Dirigent seine Instrumentengruppe einer Askese unterwirft: Nicht die Streicher sind für ihn die Seele des Orchesters, sondern – wenn überhaupt – die Holzbläser.

Auch beim zweiten Meisterwerk des Abends, Gustav Mahlers „Lied von der Erde“, fallen grundsätzliche interpretatorische Entscheidungen auf. Zum einen verbietet Haitink dem Orchester rigoros, in Melancholie zu schwelgen. Zum anderen fordert er Charakterfestigkeit statt seelischer Zerrissenheit. Mahlers später Orchesterliederzyklus klingt unter Haitinks Führung ungeschönt expressiv. Um nicht weniger als den Abschied vom Leben und den Sinn des menschlichen Daseins geht es in diesen sechs Liedern, die abwechselnd vom Tenor Christian Elsner und vom Bariton Christian Ger­haher gesungen werden. Es ist ein Spätwerk mit stark autobiografischen Zügen: Der Diphterie-Tod von Mahlers älterer Tochter Maria spielt ebenso in den Schaffensprozess hinein, wie die Dia­gnose eines schweren Herzklappenfehlers beim Komponisten.

Tenor Christian Elsner hat keinen leichten Stand an diesem Abend. Er muss sich gegen ein unerbittlich drückendes Orchester zur Wehr setzen, seine Spitzentöne wirken wie Todes­schreie. Christian Gerhaher hat es da besser: Seine Partie begleitet Mahler viel zurückhaltender und konstruktiver. In der Höhe vermag Gerhaher betörende schmerzliche Süße zu entfalten, in der Tiefe liefert er Basstöne, dass man zu frösteln beginnt.