Ausstellung Berlin

Deutschland - Erinnerungen einer Nation

Die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau präsentiert den britischen Blick auf Deutschland.

Ausstellung" Deutschland -Erinnerungen einer Nation" im Martin-Gropius-Bau

Ausstellung" Deutschland -Erinnerungen einer Nation" im Martin-Gropius-Bau

Foto: Reto Klar

Die vielleicht einleuchtendste Antwort darauf, was denn nun eigentlich spezifisch deutsch sei, lautet wohl: genau diese Frage. Die selbstreflexive Obsession der Deutschen – „Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden“, schrieben Goethe und Schiller schon 1796 – schloss schon immer auch das Interesse am Blick von außen ein: Wie sehen uns die anderen, was denken die nur von uns?

Da ist es nur folgerichtig, dass im Martin-Gropius-Bau nun die Ausstellung „Der britische Blick: Deutschland – Erinnerungen einer Nation“ gezeigt wird, die zuerst im British Museum in London zu sehen war, von einer mehrteiligen Radio-Dokumentation der BBC begleitet wurde und beim Publikum einen überraschend starken Zuspruch fand.

So stark in Großbritannien die Neigung verbreitet ist, in den Deutschen eine Horde grobianischer Altnazis mit Trachtenfolklore zu sehen, so groß scheint auch das Bedürfnis zu sein, dieses liebevoll gepflegte und ja oft auch sehr lustige Klischee zu korrigieren.

Ein erster Eindruck von Neil MacGregor

Und dazu leistet diese Ausstellung einen Beitrag, die für Berliner noch dadurch interessanter wird, dass sie unter der Direktion Neil MacGregors entstand, der nun Intendant des Humboldt Forums ist und dessen Ideen für das Stadtschloss im November präsentiert werden sollen. Hier kann man also – wie auch aus dem schon länger erhältlichen Begleitbuch mit dem Titel der Ausstellung – schon einen ersten Eindruck der Handschrift MacGregors gewinnen, ohne dass man freilich die Arbeit des mit ihm befreundeten Kurators Barrie Cook dabei vergessen sollte.

Zuerst sieht der Besucher die Bilder vom 9. November 1989 – ein Video mit den Massen seltsam frisierter Menschen an den Grenzübergängen, die „Macht das Tor auf!“ skandieren. Sie sind hierzulande derart oft aufbereitet und abgespielt worden, dass man ihrer fast ein wenig überdrüssig ist – und sich ihren welthistorischen Rang erst wieder vergegenwärtigen muss. Unwillkürlich befürchtet man eine didaktisch geprägte Best-and-worst-of-Revue der deutschen Geschichte, wie man sie hierzulande schon allzu oft serviert bekommen hat. Und erlebt dann doch so manche Überraschung.

Ein Heiliges Reich der Verwunderung

Sie liegt zunächst darin, mit welcher Verwunderung diese britische Ausstellung auf den Flickenteppich des Heiligen Römischen Reiches blickt. Deutschlands Herkunft aus einem disparaten Verbund von Fürsten- und Herzogtümern mit 200 verschiedenen Währungen, das ständige Wandern seiner Grenzen im Lauf der Jahrhunderte, die Abwesenheit einer bürgerlichen Revolution, sein demokratisch jäh gescheitertes Intermezzo namens Weimar, sein Marsch in den Abgrund der Führerdiktatur und seine Renaissance als prosperierende Volkswirtschaft westlich-liberalen Zuschnitts: all diese für Briten nur schwer begreiflichen Hakenschläge der Geschichte scheinen sich bereits in den „Münzen der deutschen Landen“ widerzuspiegeln – eine Sammlung all der Währungen, die um 1700 in Deutschland im Umlauf waren, während es in Großbritannien über Jahrhunderte nur das Pfund gab.

Mit rund 200 Objekten von 40 Leihgebern gelingt es der Ausstellung nicht nur einmal, überraschende Zusammenhänge herzustellen und die Brüche der deutschen Geschichte zu markieren. So steht etwa der berühmten „Ehrenpforte“ Albrecht Dürers für Kaiser Maximilian I. (1517/18) die Replik der Lagerpforte des Konzentrationslagers Buchenwald gegenüber, versehen mit dem von den Nazis pervertierten antiken Rechtsprinzip „Jedem das seine“. Gestaltet übrigens von dem ehemaligen Bauhaus-Schüler und Lagerinsassen Franz Ehrlich auf Befehl der Bauleitung.

Das Bauhaus und sein faszinierendes Design hat man nur kurz zuvor etwa in Gestalt der „Babyliege“ von Peter Keler bewundern dürfen – in einem Raum, der sich in assoziativer Weise Weimar widmet und so die Goethe- mit der Bauhauszeit zusammenbringt. Nicht zum ersten Mal präsentiert MacGregor hier einen etwas eigenwilligen Begriff vom Bauhaus, indem er es zu einer originär deutschen Erscheinung erklärt – obwohl es doch eine von internationalen Einflüssen geprägte Bewegung war. Aber das ist ein geringfügiger Einwand gegen diese Ausstellung, die mit Mut zur Lücke – die Philosophie und die Musik fehlen etwa – neue Sichtachsen auf deutsche Geschichte freilegt.

Martin-Gropius-Bau, ab 8. Oktober,
Mi–Mo. 10–19 Uhr.