"The One Grand Show"

Premiere: Grandioser Bilderrausch im Friedrichstadt Palast

Die Revue „The One Grand Show“ im Friedrichstadt Palast ist eine pompöse Verbeugung vor dem Werk des Modeschöpfers Jean Paul Gaultier.

FArbenprächtig: Man kann sich kaum satt sehen an den bizarren Kostümen, die Jean Paul Gaultier für den Friedrichstadt PAlast geschaffen hat

FArbenprächtig: Man kann sich kaum satt sehen an den bizarren Kostümen, die Jean Paul Gaultier für den Friedrichstadt PAlast geschaffen hat

Foto: HANNIBAL HANSCHKE / REUTERS

Unheimlich düsterer Streicherklang wabert durch das Dunkel. Auf riesigen Bruchstücken von Mauerwerk, die ein verfallenes Theater symbolisieren, werden Schwarz-Weiß-Filme längst vergangener Revuen projiziert. Man hört leises Getrappel, das immer lauter wird. Pulsierender Elektropop-Sound wummert los und gleißende Scheinwerfer legen sich auf eine vielköpfige Partygemeinde in irrwitzigen Kostümen, die ausgelassen durch die Nacht tanzt.

So beginnt die neue Produktion „The One Grand Show“ im Friedrichstadt-Palast, die am Donnerstagabend ihre Premiere erlebte. Mehr als elf Millionen Euro hat Intendant und Produzent Berndt Schmidt in das Spektakel gesteckt, das vor allem glänzt durch die überwältigenden Kostüme, die diesmal allesamt von Frankreichs Modezar Jean Paul Gaultier geschaffen wurden.

Und der hat ganze Arbeit geleistet. „The One“ ist zu einer opulenten Gaultier-Retrospektive geworden. 500 Kostüme hat er für die 60 Tänzer und Tänzerinnen entworfen. Sie wirbeln beim peppig choreografierten Opening allesamt über die Bühne und man kann sich gar nicht satt sehen an den bizarren Kreationen. Glamour-Punks und Lederschwule, quietschbunte Federschmuck-Roben und klassischer Gaultier-Matrosenlook, Maso-, Lack- und Lederoutfits. Korsetts, Krinolinen und Männer in rotkarierten Schottenröcken.

Gaultier überrascht mit immer neuen überkandidelten Ideen

Man kann diese neue Show durchaus als einen großen Catwalk für die extravaganten Kreationen dieses hyperkreativen Enfant terribles verstehen. Gaultier zitiert sich dabei immer wieder selbst. Da ist Madonnas kegelförmiger Büstenhalter ebenso auszumachen wie die Abendgarderobe, die er für Conchita Wurst entworfen hat. Den ganzen Abend über überrascht er lustvoll mit immer neuen fantastischen, kuriosen und überkandidelten Ideen. Das ist traumhaft anzusehen.

Ein Vorgeschmack auf die neue Show im Friedrichstadt-Palast
Video: So wird die neue Show im Friedrichstadt Palast

Die Revue selbst kommt wie ein psychedelischer Drogenrausch daher. Regisseur Roland Welke versucht durch so etwas wie eine lose skizzierte Handlung etwas Ordnung in die Bilderflut zu bringen. Das klappt nicht. Macht aber gar nichts. Wir sind in dem eingangs erwähnten geschlossenen Revuetheater, in dem sich der Metropolen-Underground zum nächtlichen Feiern versammelt hat. Und mittendrin ein Junge in Schottenrock und Lederjacke, der auf der Suche nach „the one“, nach der einen, nach der Frau fürs Leben durch das Bühnengetümmel stakst.

Ein Trip durch immer bizarrer werdende Traumwelten

Sänger Roman Lob, der sich 2012 für Deutschland beim Eurovision-Song-Contest-Rennen bis auf Platz acht gesungen hatte, spielt diesen Typen, dem offenbar jemand heimlich Drogen in den Drink gemixt hat. Jedenfalls beginnt er kräftig zu halluzinieren. Er trifft auf die ehemalige Prinzipalin des Hauses (Musicalstar Brigitte Oelke).

Er trifft auf Geister der Vergangenheit, die Gaukler, Tänzer und Artisten, die das marode Revuehaus einst bevölkert haben. Der Junge im Schottenrock landet in immer bizarrer werdenden Traumwelten. „Welcome to the inside of my mind“ singt er. Da hat sich der rote Faden aber längst verknotet und „The One“ verlässt sich ganz auf die betörende, sinnliche, pompöse Kraft der Bilder.

Auf seinem Trip verguckt sich der Protagonist in ein rothaariges Mädchen. Es ist die kanadische Artistin Valerie Inertie, die durch ihre artistische Eleganz am meterlangen roten Tuch und dem einem Rhönrad ähnlichen Cyr-Reifen fasziniert. Überhaupt sind die Artisten wieder von erster Güte. Wie die beim Cirque du soleil geschulten Zwillinge Ruslana und Taisiya Bazaliy mit ihrem waghalsigen Trapez-Act. Oder die international besetzte Gruppe Farfadais mit ihrer furiosen Luft- und Feuerartistik. Das ist Nervenkitzel pur.

Gleich mehrere Choreografen, den Hauptanteil hat der kroatische Tänzer Ronald Savkovic, bewegen das riesige Ensemble in den surrealen Wimmelbildern routiniert über die große Bühnenfläche. Und natürlich hat auch die legendäre Girlreihe mit 32 Tänzerinnen ihren großen Auftritt zur exakt einstudierten Choreografie von Alexandra Georgieva und einem hochmodernen Musikarrangement von Daniel Behrens.

Gästeliste: Promi-Auflauf im Friedrichstadt-Palast

Die Musik ist komplett neu für die Show komponiert worden und stilistisch so breit gefächert, dass für jeden, ob jung oder alt, etwas dabei ist. Sänger und Songschreiber Gregor Meyle, Komponisten wie Daniel Behrens und Christian Lohr, Schlagerkomponistin Maya Singh oder die schottische Musikerin KT Tunstall haben den Soundtrack geformt.

Da geht es mal kräftig rockig zur Sache, mal stampft der Discobeat, dann wird es wieder hemmungslos schlagerhaft in Helene-Fischer-Manier. Auch eine Tradition des Hauses: hier ist alles live. Der musikalische Direktor Daniel Behrens führt das 16 Musiker starke Orchester des Palastes routiniert durch alle Stile.

„The One Grand Show“ ist ein optischer Frontalangriff auf die Sinne. Hochmodern und technikverliebt, aufwendig ausgestattet und immer wieder von üppiger Pracht, ein bisschen protzig und dabei ziemlich sexy. Was Las Vegas kann, kann man an der Friedrichstraße schon lange. Überwältigend! Seite 24

Friedrichstadt-Palast Friedrichstr. 107, Mitte, Tel. 23 26 23 26, Di.–Fr. 19.30 Uhr, Sbd. 15.30 und 19.30 Uhr, So. 15.30 Uhr, Karten ab 19,90 Euro, www.palast.berlin/de