Literatur

Eine Stadt, in der irgendwie alle Voyeure sind

Nach 20 Jahren kehrt Eva Schmidt mit „Ein langes Jahr“ auf die Literaturbühne zurück. Ein Roman über das Leben der Anderen.

Die Autorin Eva Schmidt, aufgenommen  in Bregenz

Die Autorin Eva Schmidt, aufgenommen in Bregenz

Foto: Markus Gmeiner/Jung und Jung / dpa

20 Jahre lang hat Eva Schmidt kein Buch mehr geschrieben. Jetzt kehrt die 64-Jährige mit „Ein langes Jahr“ auf die Literaturbühne zurück. Die Menschen, von denen die österreichische Schriftstellerin erzählt, sind von Sehnsucht getrieben – der nach einem anderen Leben oder auch dem Leben der anderen. Alle sind hier mehr oder weniger Voyeure: Der Mann aus dem Hochhaus in Bomberjacke und Springerstiefeln, der seine Nachbarin belauert. Oder die alleinstehende ehemalige Fotografin, die abends im Garten den herüberwehenden Klängen aus dem Mehrfamilienhaus lauscht. Bis sie bemerkt, dass sie ebenfalls observiert wird, von einer rauchenden, langhaarigen Frau aus der Wohnung gegenüber: „Immer stand sie dabei mit dem Rücken zur Balkontür, den Blick geradeaus, direkt auf mein Haus gerichtet.“

Die Welt als Mikrokosmos, zusammengeschrumpft auf eine Stadt am See: „Aus der Luft, von einem Flugzeug aus gesehen, sieht die Stadt mit allen ihren Ausbuchtungen und Engstellen aus wie ein riesiger, mit dem Maul im Wasser liegender Fisch.“ Bei näherer Betrachtung ist diese Stadt am See als Bregenz zu identifizieren, die Heimat der Autorin.

Leichte Melancholie liegt über den 38 Miniaturszenen, ein Mosaik aus menschlichen Schicksalen, die sich schließlich zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Sehr oft sind es Hunde mit exotischen Namen wie Hem oder Kerk, die die Sprachlosigkeit auflösen und Menschen zusammenbringen. Die menschlichen Bindungen allerdings sind immer fragil. Bisweilen weiß man von Beginn an, dass sich die Paare wieder trennen werden. Dann wieder ist es der Tod, der brutal dazwischen fährt. Zurück bleibt die Einsamkeit.

Eva Schmidts Alltagspanorama erscheint unspektakulär. In einer ruhigen Sprache schildern die aneinandergereihten Episoden das ganz normale Leben in einer mitteleuropäischen Stadt. Doch selten wurde mit so großer Tiefenschärfe und Wahrhaftigkeit vom Wunsch nach Zuwendung erzählt, von Fernweh und Sehnsucht.