Literatur

Terézia Mora, eine Menschenbeobachterin

Wer Kurzgeschichten eigentlich nicht mag, sollte es mit Terézia Moras „Die Liebe unter Aliens“ noch mal versuchen.

Buchautorin und Schriftstellerin Terézia Mora

Buchautorin und Schriftstellerin Terézia Mora

Foto: Krauthoefer

Das Beste liegt noch vor mir. Das schöne Versprechen, das einem das Leben geben kann, findet sich zweimal in Terézia Moras neuen Erzählungen. „Es wird schon. Ich bin erst 30. Meine besten Jahre liegen noch vor mir“, denkt der Mann, der Nacht für Nacht in der Rezeption eines Hotels arbeitet. Das ist die eine Stelle. In der anderen kommt eine junge Fotografin, die früh Mutter geworden ist, ins Rechnen. „Wenn Benji 18 ist, werde ich 35 sein. Wir werden beide noch unser Leben vor uns haben, wie man sagt.“

So kann man es sehen, man muss nur ein paar Dinge ausblenden oder schwach gewichten. Dem Rezeptionist etwa fehlt das Tageslicht. Sagt sein Arzt. Aber wenn er die Schicht wechselt, dann fehlen ihm 200 Euro. Sagt der Rezeptionist. Früher, bevor er in den Nachschichten arbeitete, hatte er viele Freunde. Sie spielten zusammen Billard, Darts, Badminton.

Heute legt er sich in seine Koje, wenn er zurückkommt, und manchmal liest er Gedichte, aber nicht immer. Wichtig ist ihm die Stille, die dürfe nicht zerbrechen. „Es gibt schlimmere Leben. Aber dass seine Freunde nicht verstehen, was mit ihm los ist, ist klar, und auch, dass er es ihnen nicht erklären könnte.“

Sie ist schlagfertig und kann auch sehr entschieden sein

Elf Erzählungen umfasst Terézia Moras Buch „Die Liebe unter Aliens“. Richtige Aliens – also die, die wir aus dem Kino kennen – begegnen uns nicht, aber Menschen, die man glaubte zu kennen und die einem im nächsten Augenblick fremd erscheinen und Dinge machen, mit denen so nicht zu rechnen war. Terézia Mora ist eine Autorin, die die Menschen mag, aber bisweilen feststellen muss, dass sie seltsame Sachen machen.

Böse sein kann sie ihnen nicht, aber es gibt auch keinen Grund, darüber hinwegzusehen. Bei ihr bleiben die meisten Dinge nicht sehr lange, wie sie waren. Obwohl die Menschen, dieses fremde Wesen, sich doch immer wieder vormachen, sie könnten die Gegenwart einfach fortschreiben.

1990 ging die Ungarin Terézia Mora nach Berlin, 1997 gewann sie den Open-Mike, sie bekam einen Autorenvertrag bei Rowohlt, veröffentlichte drei Romane und einen Erzählband und gewann allerlei Preise. Sie ist schlagfertig und unterhaltsam und kann auch sehr entschieden sein. Als sie im Literaturinstitut Leipzig unterrichtete, verbreitete sie bei zarter besaiteten Studenten Angst und Schrecken.

Sie hat eine robuste Auffassung von ihrem Beruf: „Natürlich gibt es Techniken, die einen weiterbringen können. Schreiben ist auch ein Handwerksberuf“, hat sie im vergangenen Jahr dieser Zeitung erzählt. Für ihr letztes Werk, den Roman „Das Ungeheuer“, erhielt sie 2013 den Deutschen Buchpreis.

Die Kunst der Kurzgeschichte

Nun also Kurzgeschichten. Der amerikanische Schriftsteller Richard Ford, dessen Erzählungen in „Rock Springs“ auch denen zu empfehlen sind, die sonst mit der kurzen Strecke wenig anzufangen wissen, hat vor zehn Jahren im „Guardian“ (in einem ziemlich langen Essay) über die Kunst der Short Story geschrieben: „Die Struktur eines Romans kann Mängel aufweisen, die Eröffnung abwegig, das Ende eine Sackgasse, und trotzdem kann er ins­gesamt gut sein. Aber wenn eine Kurzgeschichte einer dieser ästhetischen Mängel aufweist, riskiert man, dass sie dadurch komplett zerstört wird.“

Terézia Moras erste Geschichte ist ein Beispiel für die Kunstfertigkeit , die eine Short Story erfordert. In ihr wird einem älteren Mann sein Einkaufsbeutel geklaut, doch dieser 57-jährige Mann (sieht aber aus wie 75) ist ein geübter Marathonmann. Für den Dieb ist das eine schlechte Nachricht, er dachte, er hätte einen Rentner überfallen und nicht einen Extremsportler mit verwelktem Gesicht als Tarnung. Im Folgenden liest sie sich wie eine Sportreportage, mal holt der Mann auf, mal gewinnt der Dieb ein wenig Zeit, weil er Glück bei der Ampelschaltung hat.

Der Mann ist Favorit, er hat seine Laufschuhe an, kein Gepäck und kennt sich aus mit leichten Strecken, während der Dieb Sneakers trägt, eine schwere Jacke und auch noch den Beutel mitsamt Brieftasche und Portemonnaie. Der Leser ist skeptisch. Wann gewinnt in der Literatur schon der Favorit? Am Ende einer Odyssee durch die Stadt wird er bei einem Schulfreund vorbeischauen, besiegt und ohne Einkaufsbeutel, und da ist das Elend noch nicht vorbei.

Das Handwerk funktioniert

Terézia Mora, hier ganz Handwerkerin, beherrscht die Kunst der ersten Sätze. „Er erwachte um 6:15. Er wartete bis 07:00, bevor er seiner Freundin eine SMS schickte.“ Da ahnt man, das wird keine Liebe auf Dauer sein. „Ich habe gesagt: nein! Das Ding ist gelaufen“, wird sie am Ende sagen. Er hatte wirklich einen hektischen Tag hinter sich, der Leser kann es bezeugen, aber seine frisch getrennte Freundin will davon nichts wissen. Er geht nach diesem letzten Telefonat in die Wohnung, doch sie ist leer, als hätte sie nie dort gewohnt.

So spontan, wie die Trennung erscheinen sollte, war sie dann wohl nicht. Ihm gehört eine kleine Pension, und da ist nun ein Zimmer frei. Er ruft um ein Uhr Nachts eine andere Frau an und sagt ihr, eine Wohnung sei frei geworden. Sie will ihn abschütteln, wohl einfach nur endlich wieder schlafen, und er sagt: „Danke. Und entschuldige. Schlaf schön. Und entschuldige. Und ruf an. Bis bald, ja? Bis bald.“ Ist er ein Filou, auf der Suche nach einem schnellen Ersatz? Oder hochgradig verwirrt? Vielleicht auch beides? Wahrscheinlich weiß er es selber nicht.