Kultur

Volksbühne: Der Versuch einer Gegenbewegung

Im Roten Salon sammeln sich die Gegner von Chris Dercon, den designierten Volksbühnen-Intendanten. Ein wenig vielversprechender Abend.

Chris Dercon steht in der Kritik

Chris Dercon steht in der Kritik

Foto: Christian Kielmann

Auf dem Hinweg Thomas Melle gelesen. „Es ist nicht alles Abgrund. Die Leute gruseln einfach zu gerne“, schreibt er. Er liefert den Überbau für diesen Abend im Roten Salon. Dort läuft so eine Gruselveranstaltung: „Die letzten Tage der Sozialdemokratie“. Natürlich. Der Untergang naht. Alles am Ende. Parteien, Medien, Kapitalismus samt Post-Kapitalismus.

Jetzt auch noch Sozialdemokraten. Die gehen seit über 100 Jahren unter, stellt Allzweckkünstler Jürgen Kuttner fest, seit ihrer Zustimmung zu Kriegskrediten im Ersten Weltkrieg. Sein Gesprächspartner ist Guillaume Paoli, ein französischer Schriftsteller, der immer wieder in der Volksbühne auftritt und schon vor wenigen Monaten ein Gespräch mit Yanis Varoufakis in seinem endlosen Bemühen, eine Frage zu stellen, spektakulär vermoderierte.

Auch hier wieder bei diesem Kuttner-Paoli-Abend kein Gespräch, kein Aufeinandereingehen, sondern ein Nebeneinanderherreden. Der eine ist auch komisch und schlau, wenn Kuttner den „Gegenwartskonservatismus“ heute und in den zurückliegenden Generationen beobachtet, deren Fortschrittsglaube sich auf neue iPhone-Modelle beschränkt. Der andere, Paoli – womit wir beim zweiten Teil des Abends sind – hat einen „Aufruf zur Gründung einer neuen Volksbühnenbewegung“ verfasst.

Der designierte Intendant Chris Dercon dürfe nicht antreten, sein Theater richte sich nur an „global vernetzte Bürger“, im Übrigen trage er als früherer Tate-Modern-Chef Mitschuld an der Explosion der Mieten in London. Endlich hat man den Schuldigen gestellt, möchte man durchatmen, doch so leicht kommt Paoli nicht durch.

Eine Bewegung erkenne er nicht, sagt einer im Publikum, sie lasse sich auch nicht gründen. Kuttner schaltet auf wohlwollenden Spöttelmodus. Natürlich werden nicht Zehntausende Theaterschaffende durch die Stadt ziehen, aber er finde Paolis Ansatz gut, „diesen trotzigen Ton“. Gegen Ende schlägt einer vor, man solle einen Verein gründen, da wäre man „auf Augenhöhe mit dem Senat“. Es wird geklatscht. Die Bewegung wird vor ihrem Entstehen in­stitutionalisiert.