Konzert im Huxleys

New Model Army - Ein wilder Haufen mit politischer Botschaft

Seit 36 Jahren begeistert die Rockband New Model Army ihr Publikum. Im Huxley überzeugte die Band mit Songs vom neuen Album „Winter“.

„Winter“ heißt das 14. Album der britischen Rockband New Model Army

„Winter“ heißt das 14. Album der britischen Rockband New Model Army

Foto: Kulturbrauerei

Im Vergleich zu den Achtzigern gibt es heute enttäuschend wenige junge Rockbands, die sich auch vor politischen Statements nicht scheuen. Einer der Aufrechten der frühen Jahre ist Justin Sullivan aus dem britischen Bradford in Yorkshire. Seit mittlerweile mehr als 35 Jahren ist er Anführer der New Model Army, einer von Punk und Rock ’n’ Roll angetriebenen Truppe, die über die Jahre vom Trio zum Quintett angewachsen ist.

Justin Sullivan, im April 60 Jahre alt geworden, ist eine ehrliche Haut. Er nimmt kein Blatt vor den Mund. Er sagt, was er denkt und was er für faul im Staate hält. Ach was, er singt es. Und notfalls schreit er es zornig heraus. Beim Berlin-Konzert am Dienstagabend im brechend vollen Huxleys hat er allerdings ein Problem. Seine so markante, emotionsgeladene Stimme ist schwer geschunden. Er ist heiser. Aber er kämpft sich durch. Er will die Fans nicht hängen lassen. Und steht schließlich nahezu zwei Stunden lang auf der Bühne.

New Model Army waren in den 80er-Jahren so etwas wie das Sprachrohr der Arbeiterklasse im England von Margret Thatcher. Sullivan wetterte damals gegen das Arm-Reich-Gefälle, gegen den Falklandkrieg, gegen politische Entmündigung und staatliche Misswirtschaft.

Überzeugende neue Songs dominieren den Abend

Heute sind es Dinge wie der Brexit und das Flüchtlingsdrama, die ihm ein Dorn im Auge sind. „Winter“ heißt das gerade erschienene 14. Album der Band und die überzeugenden neuen Songs dominieren diesen Abend. Gleißende Lichtfinger schweben über blutrotem Bühnennebel, als New Model Army mit dem neuen Stück „Burn The Castle“ den Abend eröffnen. Ein musikalischer Wutausbruch, der wuchtig hardrockig daherkommt. Sullivan knurrt und keucht den Text mehr, als dass er ihn singt.

Das wird im Laufe des Konzerts aber ein wenig besser. „Die Hamburger sind schuld“, erklärt er etwas später seine malträtierte Stimme. „Die wollten uns gestern Abend einfach nicht von der Bühne lassen.“ Da weiß er allerdings noch nicht, wie lange die Berliner in festhalten werden. New Model Army sind ein wilder Haufen, der es auf bewundernswerte Weise schafft, Wut, Melancholie und Pathos miteinander zu verbinden, ohne musikalisch auch nur einen Moment lang peinlich zu werden.

So düster manche ihre Songs auch sind, so positiv sind die Stimmungen, die sie damit transportieren. Sie maulen nicht nur einfach über die vermeintlichen Errungenschaften der schönen neuen Welt. Sie fordern auch auf, etwas zu tun gegen die Missstände im menschlichen Miteinander. „Winter“, das Titelstück der neuen Platte, ist so ein imponierend arrangierter Aufruf, die Dunkelheit hinter sich zu lassen und nach den Sternen zu greifen. In einem anderen Song singt Sullivan über das Flüchtlingselend mit den Refrainzeilen „Cross the water or die trying“.

„51st State“ - der größte Hit der Band

Nahezu alle neuen Stücke finden sich im Programm, angereichert durch Klassiker wie „White Light“ von 1993, einem Lied, in dem es um eine Nahtoderfahrung Sullivans geht. Anlass war ein Konzert, bei der Sänger und Gitarrist einen Stromschlag erlitten hatte und wiederbelebt werden musste.

„White Coats“ und „Poison Street“ aus den Achtzigern spielen sie, teilweise verstärkt von einem Cellisten und einer Geigerin, „Freunde aus Berlin“, wie Sullivan die beiden Bühnengäste mit heiserer Stimme ansagt. Und natürlich gibt es auch den größten, genau genommen den einzigen Hit der Band. „51st State“ war 1986 eine Coverversion des im vergangenen Monat gestorbenen britischen Musikers Ashley Cartwright. Das treibende Stück macht New Model Army populär.

Aber eine Hitband wollten sie nie sein. Sie scheinen mit ihrem Indie-Status zufrieden, und wenn dabei immer noch so gute Songs herauskommen wie auf der neuen Platte, dann ist das auch gut so. Längst ist das ganze Huxleys bis in die hintersten Reihen in Bewegung. Es ist ein überraschend junges Publikum zwischen den Fans der frühen Jahre auszumachen. Und die Refrains werden immer wieder laut mitskandiert, gerade so, als wolle man Justin Sullivan ein wenig Last von der gebeutelten Stimme nehmen. Und der lässt sich Zugabe um Zugabe auf die Bühne zurückjubeln, aller gesundheitlicher Angeschlagenheit zum Trotz.