Kultur

Christian Gerhaher verwandelt Gefühle in Musik

Der Opernsänger interpretiert Dvorák im Kammermusiksaal

Vielleicht musste die deutsche Liedkunst in der Geschichte ihrer Interpreten erst viele Wendungen ins Opernhafte, ins Intime, ins Narzisstische und altklug Textgetreue nehmen, bevor der Bariton Christian Gerhaher auftreten konnte. Natürlich ist Gerhaher irgendwie Nachfolger von Dietrich Fischer-Dieskau und Hermann Prey, hat dem Gesangsstil, dem Zugriff auf Tradition noch dem Einbringen der eigenen Persönlichkeit nach mittlerweile allen erdenklichen Abstand zu ihnen. Christian Gerhaher folgt nur der musikalischen Richtung seiner Lieder.

Es ist da etwas in Gerhahers Sängerpersönlichkeit, das ihn immun macht gegen jede hemdsärmelige Art, ein burschikoses, humorvolles oder auch ein liebliches Lied einmal ganz von seinem offen daliegenden Gefühlsausdruck anzugehen. Außerhalb der musikalischen Logik gibt es bei ihm keine Kumpelei mit dem Publikum. Gerhaher scheint schon im ersten Schritt alle in einem Lied wohnenden Gefühle in Kunst und in Musik zu verwandeln, so dass das Publikum am Ende auch nur Musik wahrnimmt, vermittelt über diese immer angenehme Timbre, diese meisterhaft beherrschte Gesangstechnik und – was Gerhaher besonders auszeichnet – eine Artikulation, die jede stimmliche Kraftanstrengung überflüssig zu machen scheint. Die Art, keinen Ausdruck roh und unbearbeitet stehen zu lassen, entspricht vielleicht nicht jedem sehnsüchtigen Seufzen in der romantischen Liedkunst, es entspricht aber dem zurückgenommenen Auftritt Christian Gerhahers. Zu Beginn kommen Gerhahers Reserviertheit dem Einschuss von Gefühlen gegenüber die Biblischen Lieder von Antonín Dvořák entgegen. Es ist eine romantische Welt, die in den tschechischen Psalmtexten der Kralitzer Bibel hervorscheint, aber eben auch eine liturgische. Gerhahers jahrzehntelangen Klavierpartner Gerold Huber versteht es mit seinem minuziös kontrollierten Ton noch die kleinste musikalische Empfindung in den Noten zu erwecken.