Klassik

Die neue Frau an Petrenkos Seite in der Philharmonie

Die Personalie sollte erst Donnerstag bekannt werden: Andrea Zietzschmann wird neue Intendantin bei den Berliner Philharmonikern.

Wechselt von Hamburg nach Berlin: NDR-Orchesterchefin Andrea Zietzschmann

Wechselt von Hamburg nach Berlin: NDR-Orchesterchefin Andrea Zietzschmann

Foto: Marcelo Hernandez

Das neue Führungsteam der Berliner Philharmoniker steht: Am kommenden Donnerstag um 14.30 Uhr wird der designierte Chefdirigent Kirill Petrenko seinen Vertrag unterschreiben. Es hat lange genug gedauert, Petrenko war bereits im Juni vergangenen Jahres zum Nachfolger von Simon Rattle gewählt worden. Das lange Schweigen hat auch etwas mit der neuen Frau an Petrenkos Seite zu tun. Die musste erst gefunden werden.

Am Donnerstag wird sich Andrea Zietzschmann als neue Intendantin vorstellen. „Ich kann dazu nichts sagen, bevor am 6. Oktober Kirill Petrenko seinen Vertrag in Berlin als neuer Philharmoniker-Chefdirigent unterschreibt“, sagte die 46-Jährige dieser Zeitung. Sie soll 2017 Martin Hoffmann ablösen. Petrenko tritt offiziell 2019 an.

Künstlerisch verschiedene Welten

Kirill Petrenko, Jahrgang 1972, ist derzeit Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper, das Amt hat er noch bis Ende der Spielzeit 2019/20 inne. Erst dann steht er den Philharmonikern vollständig zur Verfügung. Zietzschmann wird auch seine Vertraute in der Phase des Übergangs sein. Gerade erst wurde Petrenkos Münchner Orchester zum „Orchester des Jahres“ gewählt, zum dritten Mal in Folge. Für Petrenko ists der Wechsel von München nach Berlin auch ein Chefwechsel vom Opern- zum Konzertorchester. Das sind künstlerisch verschiedene Welten.

Mit Berlin ist Petrenko bestens vertraut. 2002 wurde er Generalmusikdirektor an der Komischen Oper, wo er fünf Jahre lang mit einer Reihe musikalisch exquisiter Produktionen auf sich aufmerksam machte. Es war aber auch die Zeit, in der Opernregisseure sich mit Skandalen schmückten. Skandale sind Petrenkos Sache nicht. Weder auf noch hinter der Bühne. Jenseits des Dirigentenpults zeigt er sich ungern in der Öffentlichkeit. Es ist schon bemerkenswert, dass er am Donnerstag in einer Pressekonferenz Rede und Antwort stehen will.

Erfahrene Managerin

Andrea Zietzschmann ist eine erfahrene Managerin hinter starken und eigenwilligen Dirigentenpersönlichkeiten. Es sind Namen wie Claudio Abbado, Paavo Järvi oder Thomas Hengelbrock. Jetzt kommt Petrenko hinzu. Vor knapp drei Jahren hat Andrea Zietzschmann die Leitung des Bereichs Orchester, Chor und Konzerte des NDR in Hamburg übernommen. Zu ihrem Imperium gehören das Sinfonieorchester, die Radiophilharmonie, die Bigband, der NDR Chor sowie mehrere Konzertreihen. Ihre Funktion ist vergleichbar mit der von Thomas Kipp, der für die vier Klangkörper der Berliner Rundfunk-Orchester und –Chöre GmbH verantwortlich ist. Aber in Hamburg ist durch die neue Elbphilharmonie gerade mehr in Bewegung.

Sie verlässt ihren Posten in Hamburg nur wenige Monate nach der Eröffnung der Elbphilharmonie, dessen Residenzorchester das NDR Elbphilharmonie Orchester ist. In den vergangenen Jahren war sie an der Seite des NDR-Chefdirigenten Thomas Hengelbrock maßgeblich daran beteiligt, das Rundfunkorchester auf seine Aufgaben im neuen Hamburger Konzerthaus vorzubereiten und die programmatischen Schwerpunkte für die ersten Spielzeiten am neuen Sitz des Orchesters zu konzipieren.

Eine enge Vertraute Abbados

Die künftige Berliner Philharmoniker-Intendantin – sie wird nach Pamela Rosenberg die zweite Frau in dieser Position sein – kennt sich in verschiedenen Trägerstrukturen zwischen öffentlich-rechtlichem Rundfunk, Subventionsbetrieb und kleinem Trägerverein aus und war an Neugründungen beteiligt. Sie ist eine Frau des modernen Managements. Sie gilt als durchsetzungsstark und anpassungsfähig. Andrea Zietzschmann, 1970 in Schwenningen am Neckar geboren, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und VWL in Freiburg, Wien und Hamburg. Parallel dazu engagierte sie sich beim WDR, den Staatsopern in Stuttgart und Hamburg und beim Gustav Mahler Jugendorchester.

Es war die Zeit, in der Welle der Jugendorchester aus den 80er-Jahren gerade wieder etwas abebbte. Das hing auch damit zusammen, dass die jungen Musiker inzwischen herangereift waren, die Altersgrenzen überschritten und neue Orchesterstrukturen brauchten, um weiter spielen zu können. Aus dem von Claudio Abbado in Wien gegründeten Mahler-Jugendorchester ging deshalb das Mahler Chamber Orchestra (MCO) hervor, der Trägerverein hat seinen Sitz in Berlin. Andrea Zietzschmann gehörte zu den Gründerinnen. Sie war von 1997 bis 2003 Intendantin und General Manager des MCO und arbeitete dort unter anderem mit Daniel Harding und Claudio Abbado zusammen. Abbado war bis 2002 Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. Mit ihm gehörte sie auch zu den Begründern des Lucerne Festival Orchestra.

Der neue Posten ist ein Schleudersitz

Abbado hatte sich zeitlebens mit dem Berliner Mahler Chamber Orchestra verbunden gefühlt. Es ist ein exklusiver und zugleich jugendlich-innovativer Klangkörper. Um ihn herum ist ein Pool an polyglotten Orchestermanagern herangewachsen. Ole Bækhoj, Barenboims neuer Intendant für den Pierre-Boulez-Saal in der Barenboim Said Akademie, war zuvor Chef beim MCO.

Andrea Zietzschmann war darüber hinaus in ihrer Laufbahn Musikchefin des Hessischen Rundfunks und damit ab 2008 verantwortlich für das von Paavo Järvi geleitete hr-Sinfonieorchester und die hr-Bigband. Sie leitete das Festival „CRESC - Biennale für Moderne Musik FrankfurtRheinMain“ sowie den „Internationalen Dirigentenwettbewerb Sir George Solti“. Sie wird vielerlei Erfahrungen einbringen können. Die werden wohl auch nötig sein, wenn sie ihren Schleudersitz in der Philharmonie bezieht.