OPER

Erstmals seit 2002 inszeniert Harry Kupfer wieder in Berlin

In den vergangenen 14 Jahren hat Harry Kupfer weltweit Regie geführt. Nur nicht mehr in der Stadt. Jetzt kehrt er mit „Fidelio“ zurück

Harry Kupfer / Opernregisseur im Hilton am Gendarmenmarkt

Harry Kupfer / Opernregisseur im Hilton am Gendarmenmarkt

Foto: Reto Klar

Harry Kupfer ist der Altmeister unter den Opernregisseuren. Der gebürtige Berliner war ab 1981 Chefregisseur, später auch Intendant der Komischen Oper. Mit Brittens „The Turn of the Screw“ hatte er sich 2002 vom Haus und als Regisseur von Berlin verabschiedet. Nun inszeniert der inzwischen 81-Jährige wieder in Berlin. Gemeinsam mit Daniel Barenboim, Generalmusikdirektor der Staatsoper, bringt er Beethovens „Fidelio“ am 3. Oktober im Schiller-Theater zur Premiere.

Die sanierte Staatsoper Unter den Linden sollte jetzt bereits wieder eröffnet sein. Aber die Wiedereröffnung wurde von Jahr zu Jahr verschoben...

Harry Kupfer: Den „Fidelio“ wollten wir eigentlich auch dafür machen. Dann hat Daniel vor ungefähr zwei Jahren gesagt, wir wissen nicht genau, ob das wird. Wir machen es jetzt im Schiller-Theater. Aber das ist kein Problem, denn die Inszenierung wird in die Staatsoper übertragen. Das Stück geht mit ins Repertoire.

„Fidelio“ ist eine Vorzeigeoper für Neueröffnungen und festliche Anlässe. Warum eigentlich?

Weil viele glauben, es sei eine große Freiheitsoper. Was ja nicht stimmt, es ist eine Oper über die grenzenlose Menschenliebe. Laut Textbuch wird kein Gefangener befreit außer Florestan. Der Minister lässt verkünden, dass er die anderen Fälle untersuchen wird. Die oft inszenierten Freiheitsorgien sind also falsch. In der Oper macht niemand die Gefängnistore auf und es herrscht Friede, Freude, Eierkuchen.

Ihre wievielte Inszenierung ist der „Fidelio“? Die zu lesenden Angaben schwanken zwischen 180 und 220?

Die letztere Zahl müsste stimmen, wobei natürlich Dubletten dabei sind, denn die ein oder andere Inszenierung wurde von einer Stadt in die nächste übernommen. Über 200 sind es in jedem Fall.

Und das Inszenieren ist Ihnen nie langweilig geworden?

Nee. Es ist jedes Mal ein neues Abenteuer. Man macht ein Stück und denkt, man hat alles herausgefunden. Nach fünf oder zehn Jahren entdeckt man einiges, was man übersehen hat. Die Ereignisse um uns herum bestimmen auch den Sichtwinkel auf die Werke. Und so geht es immer weiter.

Und wie war es jetzt bei „Fidelio“?

Es war diesmal schwierig, weil ich schon in meiner letzten Inszenierung aus dem romantischen Gefängnis-Klischee ausgebrochen bin. Ich musste einen erweiterten Ansatz finden. Aber dann war es unglaublich spannend.

Ihr wievielter „Fidelio“ ist es jetzt?

Der fünfte. Der erste war in Weimar, der zweite in Dresden, dann Amsterdam, an der Komischen Oper und jetzt in der Staatsoper.

Welche Komponisten haben Sie bisher am meisten inszeniert?

Wagner, Strauss und natürlich Mozart. Und zwischendurch immer wieder die modernen Werke wie von Aribert Reimann. In München mache ich jetzt gleich danach Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“. Mir ist nie langweilig.

Gibt es Opern, die Sie nie mehr inszenieren wollen?

Ja. Zum Beispiel von meinem heißgeliebten Wagner den „Lohengrin“. Das Stück sperrt sich in seiner maskulinen Arroganz gegen Interpretationen, die das infrage stellt. Die Musik erschlägt jede Frage. Diese heillose Arroganz hat mich immer gestört.

Einer Ihrer Nachfolger, Barrie Kosky, der Intendant der Komischen Oper, wurde gerade zum „Regisseur des Jahres“ gekürt.

Das hat er verdient. Ich kenne nicht alle seiner Inszenierungen, aber was ich gesehen habe, dazu sage ich hundert Prozent ja. Er bleibt immer am Stück dran, um es aufzubrechen. Seine „West Side Story“ fand ich hervorragend, weil er wirklich aus dem Klischee ausgebrochen ist.

Und was halten davon, wie er als Intendant die Komische Oper verändert hat?

Ich bin sehr glücklich, dass er das Haus übernommen hat. Seitdem hat es wieder ein eigenes Gesicht bekommen. Und wenn ich mir den Spielplan anschaue: Es ist richtig, dass er nicht mit den anderen beiden Opernhäusern konkurrieren will, sondern Dinge wie etwa Musicals macht, was die großen Häuser nicht können.

Wohin wird sich die Gattung Oper insgesamt entwickeln?

Wir sind auf gar keinem schlechten Weg. Die Skandalmacher unter den Regisseuren haben abgewirtschaft. Das Publikum möchte, dass Regisseure dichter am Stück dran bleiben. Das macht mich froh.

Das Publikum kann heute auch die Texte mitlesen und die Handlung kontrollieren. Welche Rolle spielt die Übertitelung in der Oper?

Ich bin ein großer Gegner der Übertitelung. Es lenkt nur ab. Man muss sich andauernd die andere Brille aufsetzen. Merkwürdig ist es, dass immer die Lacher kommen, wenn oben die Pointe mitgelesen wird. Aber unten auf der Bühne hat sie noch gar nicht stattgefunden. Das Ganze ist nur gekommen, weil es in der Oper heute eine Sucht nach der Originalsprache gibt. In meiner Studentenzeit habe ich die Sänger auf der Bühne verstanden. Heute herrscht eine Sprachverschlampung bei den Sängern. Jeder Amerikaner kann eine tschechische Oper singen. Das wird nach Papageienart gemacht. Ich habe mal eine „Traviata“-Aufführung auf Italienisch erlebt, da fragten mich italienische Gäste hinterher, in welcher Sprache die Aufführung stattgefunden hätte? Heutzutage liest man den Text mit und hört irgendwas. Ich glaube nach wie vor, dass Leute, die in die Oper gehen, nicht doof sind. Die kennen die gängigen Stücke doch.

Haben Sie die Querelen rund um die Staatsopern-Sanierung verfolgt?

Natürlich hat mich die Umbaugeschichte bewegt. Ich bin Berliner. Ich habe in der Schule gelernt, dass die Berliner Mitte auf morastigem sandigem Grund und auf Eichenpfählen steht. Ich kann nicht begreifen, wieso man plötzlich während der Sanierung davon überrascht wurde. Da sind gravierende Fehler gemacht worden.

Sie wollen künftig wieder mehr in Berlin inszenieren?

Ja, mit Daniel Barenboim geht es weiter. Und auch mit Barrie Kosky habe ich Planungen. Aber ich zögere Vertragsunterzeichnungen lieber lange hinaus, damit ich abschätzen kann, ob ich es noch machen kann. Ich weiß wie alt ich bin. Ich möchte kein Theater in Schwierigkeiten bringen.

Wie lange planen Sie voraus?

So zwei, drei Jahre. Ich habe mir geschworen, wenn ich es nicht mehr schaffe, eine dreistündige Chorprobe durchzustehen, ohne dass ich mich hinsetzen muss, dann höre ich auf.

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