Kultur

Flüchtige Gebilde

Das Kupferstichkabinett zeigt, wie sich die Zeichnung im 19. Jahrhundert emanzipiert hat

Die Technik war gerade erfunden, da stürzte sich der junge Caspar David Friedrich schon darauf: Mit Sepiatusche schuf er 1803 seinen „Lebensalter“-Zy­klus, sein erstes romantisches Werk. Gleichgesetzt sind dort Jahreszeiten mit Tageszeiten und Abschnitten im Leben. Der Frühling wird als Morgen dargestellt, mit viel Licht, das die Kinder, eine Verkörperung der ersten Lebensjahre, erblicken. Der Herbst entspricht dem Abend, der Reife im Leben. Das Licht findet sich hier nur noch auf Bergspitzen im Hintergrund. Im Winter, dargestellt als Nacht und stellvertretend für Alter und Tod, ist das Licht nur noch im Mond gebündelt. Licht spielt im späteren Werk Caspar David Friedrichs eine prominente Rolle, als Metapher für das Göttliche und die Erkenntnis. Wie schon in diesen frühen Arbeiten taucht es niemals direkt auf.

Die ganze Palette von Caspar David Friedrich bis van Gogh

Caspar David Friedrichs Zeichnungen stehen in krassem Gegensatz zu den Strichzeichnungen und Federstücken von Karl Friedrich Schinkel, Ferdinand Olivier und Julius Schnorr von Carolsfeld, die kunstvoll und akribisch Linien ziehen, so akkurat, als wollten sie alles Subjektive bannen.

In einer wunderschönen Ausstellung mit 106 Zeichnungen aus dem 19. Jahrhundert zeigt das Kupferstich­museum die ganze Palette dieses Mediums von Caspar David Friedrich bis Vincent van Gogh und damit ein Stück Kunstgeschichte. Die Zeichnung als eigenständige Kunstform, die losgelöst von Gemälden oder anderen Kunstwerken existiert, steht dabei im Mittelpunkt. Selbst so etwas Fragmentarisches wie die gefalteten Hände der Mutter von Wilhelm Leibl, die er mit ähnlicher Finesse auf das Papier bannt wie ihr Bildnis (beides 1897), erhalten vom Künstler durch die Signatur den Status eines eigenen Werkes. Neben Feder- und Tuschezeichnungen zeigt das Kupferstichkabinett Aquarelle und Ölarbeiten auf Papier. Eine ganze Wand nehmen die Wolkenstudien von Carl Blechen ein, der diese flüchtigen Gebilde genau studiert und sich dabei zu immer größerer Abstraktion verleiten lässt.

Im „Kinderalbum“ von Adolph Menzel, Blätter, die er als Kapitalanlage für seinen Neffen über viele Jahre malte, je ein Blatt zum Geburtstag, wird sogar eine Ratte bildwürdig, die sich gerade in einen Rinnstein verzieht. Den Kontrast bildet ein Kakadu auf einer Damenhand als Sinnbild für „Versüßte Knechtschaft“. Jedes Blatt ist vollständig ausgeführt. Als Menzel dieses Vermächtnis auf dem Höhepunkt seiner Karriere zu einem hohem Preis verkaufte, bekam er für seine Neffen ein hübsches Sümmchen zusammen.

Viele der ausgestellten Werke wurden lange nicht gezeigt, auch weil sie zu lichtempfindlich sind. Dazu gehören auch die vier Blätter von Vincent van Gogh, darunter eine Serie von drei Rohrfeder-Zeichnungen von 1888, die deutlich seinen malerischen Strich zeigen. Angeregt von japanischen Tuschezeichnungen, von denen van Gogh viele in seinem Besitz hatte, entwickelte er eine Art Vokabular aus Strichen, Punkten und Kritzeleien, mit denen er ein Blatt strukturierte. Für diese Blätter kommen Wissenschaftler auf der ganzen Welt nach Berlin, weil sie so gut erhalten sind. Bei van Gogh ist die Zeichnung nun schon ganz in der Moderne angekommen.

Kupferstichkabinett, Kulturforum, Matthäikirchplatz, Tiergarten. Di–Fr, 10–18 Uhr,
Do, 10–20 Uhr, Sa + So 11–18 Uhr. Bis 15.1.