Film

Odyssee durch eine gleichgültige Stadt: das Filmdrama „Jack“

Hauptrolle Berlin: Vor zwei Jahren feierte Edward Bergers Kinodebüt Triumphe. Am 4. Oktober wird es noch einmal im Zoo Palast gezeigt.

Ein Film, der sehr berührt und sehr betroffen macht: Ganz allein sucht Jack (Ivo Pietzcker, l.) mit seinem kleinen Bruder Manuel (Georg Arms) nach seiner Mutter

Ein Film, der sehr berührt und sehr betroffen macht: Ganz allein sucht Jack (Ivo Pietzcker, l.) mit seinem kleinen Bruder Manuel (Georg Arms) nach seiner Mutter

Foto: Camino/Jens Harant / picture alliance / dpa

Zwei kleine Kinder laufen allein durch die große Stadt. Es ist schon Nacht, sie wirken müde und machen einen recht ungewaschenen Eindruck. Und doch spricht sie keiner an, fragt sie keiner, was sie so spät noch ganz allein auf der Straße machen. Berlin kann sehr kalt sein. Das hat Edward Berger vor zwei Jahren in seinem starken Kinodebüt „Jack“ gezeigt.

Auf der Berlinale feierte der Film Triumphe. Am 4. Oktober ist er nun noch einmal im Zoo Palast zu sehen, in der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“, die das Kino gemeinsam mit der Berliner Morgenpost immer am ersten Dienstag des Monats veranstaltet.

Die Mutter ist völlig überfordert

Es ist ein eindringlicher, wenn auch zuweilen kaum aushaltbarer Film. In dem ein Junge, der zehnjährige Jack, für sich und seinen kleinen Bruder Manuel sorgen muss. Die Mutter ist fast selbst noch ein Kind, benimmt sich eher wie eine ältere Schwester, die Spaß haben will und nachts noch mit Freunden um die Häuser zieht, auch öfter mal einen fremden Mann mit nach Hause bringt. Diese Mutter, eindringlich gespielt von Luise Heyer, wird nicht als Rabenmutter diffamiert; sie ist nur einfach völlig überfordert von ihrer Verantwortung.

Die übernimmt deshalb der Zehnjährige. Der sich liebevoll um den sechsjährigen Bruder kümmert, irgendwie nebenbei auch noch zur Schule geht und immer den Eindruck zu vertuschen weiß, dass man sich nicht um sie kümmern würde. Eines Tages aber passiert dann doch einmal ein Unglück, der Bruder verbrüht sich in einem zu heißen Bad. Die Folge: Das Jugendamt schaltet sich ein. Und Jack kommt ins Heim.

Das Rührende: Jack will nur nach Hause. Zurück zur Mutter, trotz allem. Als die ihn aber in den Ferien nicht abholt und auf irgendwann vertröstet, reißt er schließlich aus. Schafft den weiten Weg von Nikolassee nach Siemensdamm allein. Nur die Mutter ist weg. Bei einer Freundin von ihr findet Jack den kleinen Bruder, den sie dort zurückgelassen und dann offensichtlich vergessen hat. Der Ältere nimmt den Jüngeren sofort mit. Und sucht nach der Mutter. Immer auf der Flucht vor dem Jugendamt.

Eine Art moderne Hänsel-und-Gretel-Geschichte. Nur dass die Kinder nicht in einem einsamen Wald ausgesetzt sind sondern in einer Millionenstadt. Sie schlafen nachts in Parkdecks, ernähren sich tags von Milch- und Zuckertüten, die sie aus Cafés klauen. Und wenn sie jemand wahrnimmt, dann verjagt er sie oder verhaut sie gar. Hilfe gibt es hier keine. Eine schreckliche, schrecklich traurige Geschichte.

Die Idee zum Film kam beim Fußball

Auf die Idee kam Edward Berger, als er an einem Sonntag mit seinem Sohn Fußball spielte und dieser von einem Jungen mit Schulranzen gegrüßt wurde. Als sich der Vater wunderte, warum der sonntags einen Schulranzen trug, klärte ihn der Sohn auf: Das sei Jack, der am Wochenende bei seiner Mutter sei und sonntags ins Heim zurückginge. „In unseren Köpfen“, so Berger, „müsste so ein Kind mit hängenden Schultern durch die Straßen gehen. Dieser Junge wirkte aber aufrecht und lebensfroh Über diese Kraft eines Kindes wollte ich einen Film machen.“

Er schrieb das Drehbuch mit seiner Frau Nele Mueller-Stöfen, die im Film auch mitspielt und als Heimmutter die einzig positive Erwachsenenfigur ist. „Wir wollten keine Milieustudie betreiben, nicht mit dem Zeigefinger auf Hartz-IV-Familien zeigen oder Klischees bedienen“, sagt sie. „Wir wollten beschreiben, dass Vernachlässigung von Kindern überall passieren kann.“

Dabei ist ihnen ein kleines Kunststück gelungen: sozialer Realismus ohne Klagen. Sie zeigen einfach ein Stück deutscher Wirklichkeit, ohne zu kommentieren. Das Ende einer Kindheit, die Nöte eines getriebenen Jungen, der am Ende eine drastische, existentielle Entscheidung treffen muss.

Elf Wochen in der Hocke gedreht

Berger hat es sich dabei verbeten, an touristischen Orten oder Hipster-Hotspots zu drehen. Der Film, das macht ihn so unbequem, könnte überall in Deutschland spielen. Die Stadt ist das Berlin, das wir kennen, aber wir erleben sie konsequent aus einer anderen Per­spektive: eine gleichgültige Stadt, die keine Heimat bietet.

Und konsequent aus der Sicht des Jungen gezeigt wird. Wofür der Kameramann Jens Harant elf Wochen lang in der Hocke drehen musste: um stets auf Augenhöhe des Jungen zu bleiben. Den Erwachsenen im Bild sind deshalb oft die Köpfe abgeschnitten. Sie sind schon reinlich bildlich nicht für die Kinder da.

Dabei lebt der Film gänzlich von seinem Hauptdarsteller Ivo Pietzcker, der damals gerade mal elf Jahre alt war, der keinerlei Schauspielerfahrung hatte und von dem der Regisseur nun schwärmt: „Eigentlich findet der gesamte Film auf seinem Gesicht statt.“

Monatelang hatten Berger und Mueller-Stöfen Kinder gecastet und waren schon etwas verzweifelt, als sie den kleinen Ivo fanden. Der wollte erst gar nicht: Ein Fußballturnier war ihm wichtiger. Nur weil das Spiel verschoben wurde, kam er doch zum Casting. Und hat alle mit seiner Lust am Spiel verblüfft.

Auf der Berlinale 2014 war Ivo Pietzcker deshalb der kleinste Star und der größte Publikumsliebling. Im Film wirkt sein Gesicht so traurig, so ausgebrannt, so vorzeitig gealtert. Das war kaum mit dem strahlenden Jungen im Blitzlichtgewitter zu vereinen. Der die Frage, wie er das alles habe spielen können, locker konterte, er habe zwei ältere Brüder, da müsse man eben mitziehen.

Pietzcker will kein Schauspieler werden, sondern Medizin studieren. Er hat sich deshalb auch in keine Schauspielagentur aufnehmen lassen. Nach zwei Jahren hat er dann aber doch wieder bei einem Dreh zugesagt: Seit Donnerstag läuft „Nebel im August“ im Kino. Ein Film mit einer noch schwereren Thematik: Euthanasie unter den Nazis. Auch der spielt in einem Heim. Wieder gibt es kaum eine Szene ohne den inzwischen 14-Jährigen. Und wieder spielt sich der ganze Schmerz im Gesicht dieses Jungen ab.

Unglaublich, wo er das herholt. Unmöglich, dass er das Schauspielen nicht zum Beruf machen sollte. Dafür hat er einfach viel zu viel natürliches Talent.

Zoo Palast, Dienstag, 4. Oktober, 20 Uhr, in Anwesenheit des Hauptdarstellers
Ivo Pietzcker und der Ko-Autorin Nele Mueller-Stöfen.
Tickets unter www.zoopalast-berlin.de zu Morgenpost-Konditionen.