Grips-Theater

„Das Grips ist kein Museum“

Generationenwechsel bei dem Kinder- und Jugendtheater: Der künstlerische Leiter Philipp Harpain erklärt, wie er sich emanzipieren will.

Philipp Harpain (künstlerischer Leiter des Grips Theater)

Philipp Harpain (künstlerischer Leiter des Grips Theater)

Foto: Reto Klar

Der neue künstlerische Leiter am Grips-Theater ist seit dieser Spielzeit Philipp Harpain. Seit fast 14 Jahren arbeitet der 49-Jährige an dem Kinder-und Jugendtheater am Hansaplatz. Zwölf Jahre hat er dort die Theater­pädagogik geleitet, bevor ihn Grips-Gründer und Geschäftsführer Volker Ludwig im vergangenen Jahr zum neuen künstlerischen Leiter berief. Zwischen Ludwig und Harpains Vorgänger Stefan Fischer-Fels gab es zuvor Unstimmigkeiten über den künstlerischen Kurs, die Zusammenarbeit wurde vorzeitig beendet. Die nächste Premiere steht am 12. Oktober an: „Inside IS“, das Buch von Jürgen Todenhöfer, kommt auf die Bühne.

Herr Harpain, wer hat zukünftig denn das Sagen im Grips – Sie oder der Theatergründer Volker Ludwig?

Philipp Harpain: Ich natürlich. (lacht) Aber das Grips war schon immer anders. Für die künstlerischen Entscheidungen haben wir ein Gremium, das inzwischen aus zwölf Mitgliedern des Theaters besteht – dabei ist auch Volker Ludwig. Es bestimmt über Neueinstellungen und welche Stücke gespielt werden. Ich glaube, es steht dem Haus gut zu Gesicht, mehr Demokratie zu leben. Aber ich setze den Rahmen, schlage zum Beispiel die Themen vor, zu denen wir ein Stück machen wollen.

Aber das Gremium gab es doch schon vorher. Und trotzdem gab es zuletzt so große Unstimmigkeiten, dass Ihr Vorgänger gehen musste. Man hat den Eindruck, dass Volker Ludwig nicht gut abgeben kann.

Ich verstehe mich mit Volker Ludwig sehr gut. Aber es steht ein Generationswechsel an. Zentrale Frage ist, wie wir Volker Ludwig mitnehmen können, er zugleich aber mehr Verantwortung abgeben kann. Diese Fragen versuche ich sachlich zu lösen.

Was wollen Sie anders machen?

Generationswechsel heißt nicht unbedingt, dass man alles anders machen muss. Das Theater muss ja nicht komplett neu erfunden werden. Die DNA des Theaters soll ja bleiben.

Was macht diese DNA aus?

Die Publikumsnähe und eine Verständlichkeit fürs Publikum. Außerdem scheut sich das Grips nicht, auch mal Stellung zu beziehen. Das Grips ist oft auf der Seite des Schwächeren, was aber nicht heißt, dass die andere Seite nicht gezeigt wird.

Das klingt nach einer Zeitreise in die 70er-Jahre und einem Theater mit erhobenem Zeigefinger. Sind Sie nicht doch eher der Bewahrer?

Da sind wir wieder beim Volker-Ludwig-Museum. Nein, das soll es nicht sein. Ich habe gerade einen Film angeschaut über 25 Jahre Grips-Theater. Die Stücke waren früher hölzerner als heute. Die Darstellungsformen, die Performances, die Musik, all das hat sich weiterentwickelt. Heute hat das Grips sämtliche Bandbreiten des Theaters zur Verfügung. Ich glaube, man kommt heute nicht mehr auf die Idee, das Zeigefinger-Theater zu nennen. Das Grips hat sich schon weiter- entwickelt.

Wie funktioniert Kindertheater heute?

Die Stücke müssen so spannend inszeniert sein, dass Kinder von der ersten bis zur letzten Minute dabei sind und das Stück spannend finden. Wenn Kinder sagen: Igitt, ich muss ins Theater, läuft etwas falsch.

Funktioniert denn die Ansprache der Kinder immer noch wie früher?

Die Sehgewohnheiten von Kindern haben sich durch die Medienwelt sehr verändert, sie können sich nicht mehr so lange auf etwas konzentrieren. Auch die Themen haben sich geändert. Aber dass Kinder gute Geschichten mögen, das hat sich nicht geändert.

Was sind das für Geschichten dieser Spielzeit?

Das erste Stück „Aus die Maus“ beschäftigt sich mit Armut und Obdach­losigkeit. Das sind Themen, die Kinder sehr bewegen, denn sie sind in Berlin in den letzten Jahren viel sichtbarer geworden. Auch vor unserem Theater sitzen Obdachlose. Daher haben wir das Thema jetzt aufgegriffen und dazu ein Stück auf die Bühne gebracht. Danach folgt die Uraufführung von „Inside IS“, darin geht es um die Frage, warum Jugendliche dahin wollen, und „Nasser“, ein Stück über einen schwulen Moslem.

Das sind sehr schwere Themen. Wird im Grips nicht mehr gelacht?

Doch, natürlich. Das Obdachlosenstück macht zum Beispiel eine Clownsfrau aus der Schweiz. Es wird tragisch, zugleich aber auch sehr komisch sein. Wir haben auch ein Stück über Cybermobbing von Kirsten Fuchs, die sehr gut und sehr komisch schreiben kann. Es wäre langweilig, Politik nur als Politik zu verkaufen. Das interessiert kein Kind.

Wie kommen die Themen in den Schulen an? Besuchen manche Lehrer nicht doch lieber das Weihnachtsmärchen mit ihrer Klasse?

Natürlich können nicht alle Lehrer mit dem Grips etwas anfangen. Aber viele wünschen sich gerade diese Themen und machen unsere Stücke sogar zum Halbjahresthema. Zu dem Thema IS wollen viele Lehrer schon seit einigen Jahren ein Stück haben, weil es über das Theater leichter ist, darüber zu reden.

Wie wissen Sie, was Kinder und Jugend­liche bewegt? Ihr eigener Sohn ist ja erst drei Jahre alt.

Durch meine jahrelange Erfahrung in der Theaterpädagogik bin ich viel in Schulen rumgekommen, in allen Bezirken. Dadurch ist eine große Nähe zu Kindern und Jugendlichen entstanden. Ich weiß, was in ihnen gerade vorgeht. Darum ist es mir auch wichtig, die Theaterpädagogik weiter auszubauen und die Partizipation von Kindern und Jugendlichen im Theater zu stärken.