Kultur

Eine pragmatische Lösung

Großes Reich, wenig Einfluss: Michael Eissenhauer ist Berlins neuer Museumsgeneral

Michael Eissenhauer ist der Herr der Bürostühle, insgesamt hat er drei. Selbst sein Chef, Stiftungspräsident Hermann Parzinger, hat nur einen. Eissenhauer ist Generaldirektor der Staatlichen Museen, 19 Häuser gehören zu seinem Reich, darunter die Nationalgalerie, das Neue Museum und das Museum Berggruen. Am 1. August hat er zusätzlich das Amt des Direktors der Gemälde­galerie am Kulturforum und des Bode-Museums, inklusive des dort beheimateten Museums für Byzantinische Kunst, übernommen. Für jeden Job hat Eissenhauer einen Chefstuhl. Peter-Klaus Schuster, Eissenhauers Vorgänger, nannten alle nur den „Museumsgeneral“. Seit er weg ist, sagt das niemand mehr. Dabei ist Eissenhauer der neue Museumsgeneral.

Das Direktorenamt möchte er für „drei Jahre ausprobieren“

Wir treffen uns im Bode-Museum, so hat es sich Michael Eissenhauer, Jahrgang 1956, gewünscht. Raus aus dem Büro, hinein ins Museum, dort, wo er nah an den Kunstwerken ist. „Kommen Sie“, sagt er sofort und zeigt eine Madonna im Raum für deutsche und französische Gotik. Am liebsten würde er gleich das ganze Haus zeigen. Wegen des Lichts. „Das Licht“, sagt Eissenhauer, „ist einfach zu breiig, zu diffus“. Mehr Licht? „Würde blenden“, sagt er. Dann würde das Gesicht der schönen Heiligen ganz verschwinden. „Das Bode-Museum bräuchte in einigen Räumen einfach ein neues modernes Lichtkonzept“.

Es solle, sagt Eissenhauer, nun aber nicht der Eindruck entstehen, er wolle die Häuser von den „Füßen auf den Kopf stellen“. Seine Vision für das Bode-Museum: Neugliederungen, mehr Publikumsorientierung, neue Ausstellungszuschnitte, wie für 2017 die Schau „Afrika“ mit Artefakten aus dem Ethnologischen Museum. Bevor diese Werke ins Humboldt Forum gehen.

„Ich mache das nicht, weil ich zeitmäßig unterbeschäftigt war“, sagt er. Sein Zeitbudget in der Doppelfunktion als General- und Museumsdirektor sei knapp. Überhaupt möchte er dieses Direktorenamt erst einmal für „drei Jahre ausprobieren und sehen, ob es funktioniert“. Die Zeit ist auf jeden Fall zu kurz für eine Neuaufstellung, zumal ein selbstbewusstes Statement anders klingt. Eissenhauers Besetzung bedeutet wohl zuallererst eine pragmatische Lösung.

Kritik gibt es auch, Kritiker meinen, die Alten Meister hätten einen bekannten, internationalen Namen verdient, damit die wertvollen Sammlungen mit prestigeträchtigen Ausstellungen aus ihrem Schattendasein heraustreten – und die kränkelnden Besucherzahlen an beiden Häusern steigen.

Anders als sein Vorgänger Bernd Lindemann – mit Spezialgebiet flämische und holländische Malerei – wird Eissenhauer nicht kuratieren, da fehlt ihm die Erfahrung. Dieses Gebiet übernimmt die Berliner Kunsthistorikerin Katja Kleinert. Neu ist zudem Neville Rowley, Experte der frühen italienischen Malerei und Skulptur. Eissenhauer hat den gebürtigen Pariser an diesem Vormittag als Verstärkung zum Gespräch mitgebracht. Der 38-Jährige ist in gewisser Weise sein Joker im Zusammenspiel von Gemäldegalerie und Bode-Museum, die er „auf Augenhöhe“ bringen möchte.

Rowleys Job wird es sein, die Schwesternkünste, also Gemälde aus der Gemäldegalerie und Skulpturen aus dem Bode-Museum in übergreifenden Präsentationen zusammenzubringen. Diese Verzahnung beider Sammlungen soll „das Verständnis dafür wecken, dass die Sammlung und der Besuch unvollständig bleiben, wenn man nur eines der Häuser besucht“. Beide Häuser, eines am Kulturforum, das andere auf der Museumsinsel, sind doch „zwei Seiten einer Medaille“.

Zu verstehen ist Eissenhauers Argumentation vor dem Hintergrund des gescheiterten Umzugs der Alten Meister auf die Museumsinsel. Eine Rochade, für die er und Lindemann gekämpft haben. Beide wollten mit dem Masterplan an eine Berliner Tradition anknüpfen. Vor mehr als 100 Jahren hatte Wilhelm von Bode die lebendige Mischpräsentation von Malerei und Skulptur durchgesetzt. Am Ende kam es anders. Die Gemäldegalerie bleibt, wo sie ist. Ein Museum der Moderne soll am Kulturforum entstehen.

„Die Zusammenführung der Sammlungen bleibt weiter unser Ziel“, sagt Eissenhauer: „Es wird aber nicht in zwei, drei Jahren zu realisieren sein.“ Die Stärke der Sammlung sei nur sichtbar, wenn der Bezug beider Genres wiederhergestellt sei. „Das hat unsere Generation vergessen“, meint er, „weil niemand gesehen hat, wie es vor dem Krieg war.“ Viele Bilder und Großskulpturen seien nach dem Krieg im Osten geblieben, so habe man sich in Dahlem auf die Situation eingestellt. „Die Selbstverständlichkeit, mit der diese Sammlungen auf einander bezogen waren, muss erst wieder in unser Bildbewusstsein kommen“, meint der Museumsmann. Die laufende Ausstellung „El Siglo de Oro“ (Das goldene Zeitalter) in der Gemäldegalerie ist für ihn ein Testballon für das Zusammenspiel. Hier kommen sich Skulpturen und Malerei sehr nah.

Braucht man überhaupt noch so ein Amt des Generaldirektors? Ein bisschen ist es so, dass Eissenhauer zwar ein König ist mit großem Reich, doch mit wenig Einfluss. Seine Spielräume sind gering: Beim Bau führt der Stiftungspräsident Regie, beim Haushalt ebenso, und auch die Personalentscheidungen liegen bei Parzinger. Das Humboldt Forum fällt unter die Oberhoheit von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), die inhaltliche Regie liegt bei Neil MacGregor. Und die Direktoren der Museen agieren wie Fürsten. Kaum vorstellbar, dass Eissenhauer den umtriebigen Udo Kittelmann, Chef der Nationalgalerie, zur Seite nimmt und etwa sagt: „Udo, wir brauchen keine Beuys-Ausstellungen.“

Eissenhauer formuliert es anders: „Da ist für den Generaldirektor als ‚Aufpasser‘ nicht viel möglich.“ Deshalb sei „es nun gut, eine eigene Sammlung zu haben“.