Film

Sebastian Koch: „Ein Schauspieler muss ver-rückt denken“

In „Nebel im August“ spielt Sebastian Koch eine Monsterrolle: einen Arzt, der Euthanasie für die Nazis betreibt. Wie spielt man sowas?

Sein neuer Film war ihm ein Anliegen: Um der Nazi-Opfer zu gedenken. Und weil das Thema ganz aktuell ist – wer nämlich entscheidet, wann ein Leben lebenswert ist

Sein neuer Film war ihm ein Anliegen: Um der Nazi-Opfer zu gedenken. Und weil das Thema ganz aktuell ist – wer nämlich entscheidet, wann ein Leben lebenswert ist

Foto: (c) Gregor Hohenberg

Er war schon Stauffenberg und Klaus Mann, Alfred Nobel und Wolfgang Vogel. Sebastian Koch ist der Mann fürs Historische, im deutschen wie im internationalen Kino. Aber so hat man ihn noch nie gesehen: Im Film „Nebel im August“, der am Donnerstag ins Kino kommt, spielt er einen Klinikarzt, der das Euthanasie-Programm der Nazis erfüllt, indem er erst liebevoll mit behinderten Kindern spielt und sie dann auf die Todesliste setzt. Wie spielt man so etwas, wie wird man damit fertig? Darüber haben wir uns mit dem 54-Jährigen im Hyatt-Hotel unterhalten.

Man glaubt ja immer, über die Nazizeit schon alles gesehen zu haben. Und dann kommen doch immer wieder Filme, die noch einmal völlig neue Aspekte zeigen. Warum, was meinen Sie, haben wir bisher so wenig über Euthanasie erfahren?

Sebastian Koch: Weil sich hier etwas doppelt. Das Thema Nationalsozialismus ist an sich schon ein schwerer Stoff, von dem wir immer glauben, dass wir das jetzt endlich mal durch haben müssen. Auch wenn unsere bisherige Aufarbeitungsarbeit, wie ich meine, ganz oft nur eine Alibifunktion erfüllt. Denn wie sich derzeit zeigt, ist der Umgang mit der Vergangenheit gesellschaftlich ja eben nicht so im Kopf verankert, wie man es sich wünschen würde. Hier aber kommt nun noch als weiteres Thema der Umgang mit behinderten Menschen hinzu. Zwei Tabuthemen, vor denen man extrem Respekt hat, worüber man immer noch nicht gern spricht. Das stellt natürlich jeden Zuschauer vor die Frage, welche Position er selber damals eingenommen hätte. Hier ist für mich die Grundfrage des Films, die auch weit über den eigentlichen historischen Erzählstoff hinausgeht: Wer entscheidet letztendlich, wann und ob Leben lebenswert ist oder nicht?

Sie spielen einen Arzt, der für die Nazis Euthanasie betreibt. Wie spielt man so etwas? Und wie wird man so etwas wieder los?

Ich finde das Thema grundlegend wichtig. Zum einen natürlich in Gedenken an die Opfer, die endlich einmal eine Stimme, eine Aufmerksamkeit bekommen. Und dann gibt es durchaus einen Brückenschlag zur heutigen Gesellschaft. Das Thema verleitet sehr dazu, zu sagen: „Schon wieder ein Nazi-Film. Das hat mit uns doch gar nichts mehr zu tun.“ Aber so ist es ja leider nicht.

Kann man so eine Rolle, wenn man abends nach Hause kommt, einfach an der Garderobe weghängen? Trägt man das nicht schwer mit sich?

Ich liebe das Wort „ver-rückt“. Letztlich geht es darum, dass ein Mensch seine Wahrnehmung verschiebt und auf einen Sachverhalt mit seiner ganz eigenen Logik schaut. Das muss ich als Schauspieler so perfektionieren, dass die Umsetzung, die in sich logische Perfektion stimmt. Dieser Mann, den es ja wirklich gegeben hat, hat offensichtlich fest daran geglaubt, dass er etwas Gutes tut. Der hat sich selbst nicht als Monster wahrgenommen. Seine Erfindung der „E-Kost“, dieser Entzugskost, ist das Perfideste, was wir uns vorstellen können: Nahrung ohne Nährwert! Aber er wollte das Töten in seiner „ver-rückten“ Sichtweise medizinisch gesehen human und schmerzfrei gestalten. Barbiturate, die bis dahin zum Töten verabreicht wurden, waren oft mit schlimmen Spasmen verbunden. Mit der E-Kost sollten die Menschen nun quasi hinweggedämmern. So pervers das heute klingt: Er hat sich selbst als Humanist gesehen, als Gutmensch. Er hat ganz systematisch das Töten organisiert. In eine solche Denkweise muss man sich entgegen allen eigenen Wertvorstellungen hineinarbeiten - das ist meine Aufgabe als Schauspieler.

Ist das auch eine Schutzfunktion, um das gar nicht so nah an sich ranzulassen?

Das ist ja gerade die „ver-rückte“ Realität. Wenn ich etwas spiele, habe ich den anderen, sprich: den heutigen Blickwinkel ja nicht gleich zwingend für mich angenommen, das gestatte ich mir gar nicht erst. Klar, wenn ich dann den fertigen Film sehe, bin ich selbst geschockt, wie perfide das rüberkommt. Letztlich ist es aber viel erschütternder, einen Täter in seiner Komplexität darzustellen, als ihn lediglich als Monster zu zeigen. Sonst kann ja auch kein Bezug zum Heute entstehen. Dann wäre die Aussage bloß: „Ach, die bösen Nazis, das hat doch mit uns nichts mehr zu tun.“ Das ist mir zu wenig. Nein, das Spannende die Frage: Wo ist die Verbindung zum Hier und Jetzt.

Und wo sehen Sie die Bezüge?

Die Frage ist doch heute in der an sich wichtigen Pränataldiagnostik ganz aktuell. Die Theorie der Rassenhygiene war im 19. Jahrhundert noch ein durchaus gesellschaftsfähiges und rein wissenschaftlich diskutiertes Thema. Bis die Nazis die Grenzen noch enger gezogen und vollends pervertiert haben, um eine nordische, arische Rasse zu züchten. Zum Glück haben wir uns von solch irrsinnigem Gedankengut völlig verabschiedet. Und ich sehe die Vorteile der modernen Medizin prinzipiell absolut positiv. Aber in einer Gesellschaft, die immer noch nach dem perfekten Menschen strebt, bleibt die Frage brennend aktuell: Wo ist die Grenze auch heute noch gezogen? Wenn werdenden Eltern heute diagnostiziert wird, dass ihr Kind zum Beispiel ein Down-Syndrom hat, wird in der Regel sofort zur Abtreibung geraten, von den Krankenkassen bezahlt und damit ganz einfach gemacht. Was bei den Nazis als „lebensunwert“ ausgemerzt oder, wie sie es nannten, „erlöst“ wurde, soll heute gar nicht erst geboren werden dürfen.

Unser Verhältnis zu Behinderten ist nach wie vor gestört?

Wir haben es nie richtig gelernt, mit Behinderten umzugehen. Diese Menschen werden weiterhin ausgegrenzt. Der Umgang erfordert halt Arbeit, und Arbeit erfordert viel Zeit. Und Geduld. Alles Dinge, die wir heute nicht mehr mitbringen. Ich hatte durch die Vorbereitung auf den Film und die Dreharbeiten diese Zeit, das war ein sehr prägendes Erlebnis. Der Umgang und die Beschäftigung mit behinderten Menschen ist für jeden eine ganz große Bereicherung. Früher hatte nahezu jedes Dorf seinen sogenannten „Mongoloiden“, wie man damals noch Menschen mit Down-Syndrom nannte. Wir in Oberertürkheim hatten den Rudi, der immer Häuser umarmt und geküsst hat. An den kann sich noch heute bei uns jeder erinnern. Ich will hier gar nichts verklären, das war auch nicht immer leicht, aber er gehörte zu unserer Gesellschaft dazu und hatte darin eine wichtige Funktion.

Inwiefern?

Ich denke, es gibt in der Natur eine gewisse Balance. Seit der Industrialisierung fängt diese Balance an zu kippen – für jeden ganz spürbar in der Umwelt. Ähnlich ist es mit der Eugenik. Zu viel Aussortieren bringt auch hier die Balance ins Kippen. Ich glaube, die Gesellschaft braucht alle Menschen. Sie sollte sich aber auch die Zeit nehmen, sich um diese Menschen zu kümmern, die besonderer Aufmerksamkeit bedürfen. Wir müssen uns diese Zeit nehmen, auch wenn wir es verlernt haben. Wenn man nur noch auf der Suche nach dem perfekten Menschen ist, kommt das menschliche Miteinander aus der Balance.

Sie haben bei dem Film mit behinderten Kindern gearbeitet. Wie war diese Zusammenarbeit?

Das war eine wunderbare Erfahrung. Weil z.B.Menschen mit Down-Syndrom ungefilterte Gefühl entgegenbringen wie sonst nur kleine Kinder. Und bei Kindern geht das dann mit dem sogenannten Erwachsenwerden schnell verloren. Das ist pur und bezaubernd auf eine ganz besondere Art. Natürlich bin auch ich an meine Grenzen gestoßen, hatte Angst, etwas falsch zu machen. Aber auch das war dann wiederum ganz befreiend, denn gerade diese Angst hat mich gezwungen, mich damit zu beschäftigen. Ich habe viel mit deren Eltern gesprochen, die mit am Set waren. Auf die Frage, ob sie ihre Entscheidung für ihr Kind wieder so treffen würden, haben ausnahmslos alle mit strahlendem Lachen „Ja“ gesagt.