Klassikkritik

Das Oratorium führt eine Seele durchs Fegefeuer

Zuerst erwischte es Jonas Kaufmann, dann Sarah Connolly und schließlich Ersatz Toby Spence. Eine prekäre Lage ? Nicht für die Staatskapelle.

Der Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper, Daniel Barenboim

Der Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper, Daniel Barenboim

Foto: Soeren Stache / dpa

Zum Ende des Musikfests kehrt Daniel Barenboim nach ausgedehnter Mozart-Bruckner-Europareise in die Berliner Philharmonie zurück, um dort Edward Elgars Oratorium „Dream of Gerontius“ zu präsentieren. Doch dies ohne die zwei vorgesehenen Weltklasse-Gesangsstars, die beide aus gesundheitlichen Gründen ihre Hauptpartien absagen mussten. Zuerst erwischte es Tenor Jonas Kaufmann, dann Mezzosopranistin Sarah Connolly und schließlich sogar noch Kaufmanns Ersatz Toby Spence. Eine prekäre Lage also? Nicht für die Elgar-erfahrene Staatskapelle.

Diesmal geht es um den großformatigen „Dream of Gerontius“, ein zweiteiliges geistliches Werk, das zunächst einen alten Mann auf seinem Sterbebett zeigt, begleitet von Freunden und einem Priester. Nach Gerontius‘ Tod reist seine Seele ins Jenseits, nunmehr an der Seite eines Engels, der ihn vorbei an Dämonen bis zu Gott und zum Fegefeuer führt. Elgar bringt hier zentrale Themen des katholischen Glaubens mit Kompositionsprinzipien von Richard Wagner zusammen. Bereits in der Einleitung stellt Elgar alle Bausteine und Leitmotive vor.

Die Staatskapelle unter Barenboim trägt diese Takte mit so viel Überzeugung und Souveränität, zugleich so viel Inspiration und Tiefenwärme vor, dass sich Andrew Staples, der kurzfristige Jonas Kaufmann-Ersatz, einfach wohlfühlen muss. Und dies, obwohl Barenboim den Engländer im weiteren Verlauf keineswegs schont. Barenboim lässt keinen Zweifel daran, dass Elgar einen schwermütigen, dunkelglühenden ersten Teil komponiert hat. Dass die Musik bei aller Gewichtigkeit nie behäbig wird, liegt an Barenboims energetischem Zugriff. Staples‘ Gerontius verfügt im Piano über süße Melancholie, in höchster Not dagegen über schmerzlich intensiven Metallglanz. Der Engländer ist ein lyrischer Tenor, der berührt und betroffen macht. Ihm zur Seite steht im zweiten Teil der Sarah Connolly-Ersatz Catherine Wyn-Rogers als bodenständiger, eher opernhaft wirkender Engel. Ihre echte Alt-Tiefe reicht über eine ausgewogene Mittellage bis in kräftig strahlende Höhe.

Betont lautmalerisch geht es in diesem Teil zu, mit der Tendenz zu ausufernden Längen. Ob der Engel nun vom „gierig Wutgeheul“ der Dämonen spricht, vom himmlischen Entzücken, das Gerontius durchbohrt, vom rauschenden Sommerwind, der durch die Pinien streicht – bei Barenboims Staatskapelle hört man alles in massiver Deutlichkeit. Bariton Thomas Hampson, der im ersten Teil noch mit angerauter Erhabenheit den Priester gibt, taucht gegen Ende als statischer Todesengel wieder auf. Und dann kommt das Fegefeuer: Der riesenhaft allgegenwärtige Chor, bestehend aus Staatsopernchor, Rias Kammerchor und Mitgliedern des Konzert- und Jugendchors der Staatsoper, geht hier in spektakulären musikalischen Flammen auf.